ARD Themenwoche 2016 Home Office Interview Dr. Stephan Sandrock

Eine Frau arbeitet von zu Hause aus. | Bildquelle: imago/Westend 61

Home-Office und Flex-Arbeitsplätze

Alles nur eine Frage der Selbstdisziplin und Selbstorganisation?

Mit dem Laptop von überall auf der Welt ins Firmennetzwerk einloggen und per Videokonferenz mit den Kollegen arbeiten, als säße man gemeinsam im Büro: Firmen setzen vermehrt auf mobile Lösungen, die nicht nur für ihre Angestellten positiv sein sollen - auch sie selbst wollen davon profitieren. Eine klassische Win-Win-Situation also? Dr. Stephan Sandrock vom Institut für angewandte Arbeitswissenschaft in Düsseldorf erklärt verschiedene Konzepte, was die Zukunft bringen kann und wo Verbesserungspotenzial besteht.

SR: Der Begriff "Home-Office" ist in aller Munde, aber was genau versteht man darunter eigentlich?

Dr. Stephan Sandrock: Das muss man etwas unterschiedlich betrachten. Es gibt größere Unternehmen, die ihren Mitarbeitern gestatten, mobil zu arbeiten. Dabei ist es eben unerheblich, ob man von Zuhause aus arbeitet, ob man sich dabei im Park oder im Zug befindet. Natürlich gibt es aber auch die Möglichkeit beim klassischen Home-Office, Zuhause einen Arbeitsplatz einzurichten. Allerdings hat das andere rechtliche Konsequenzen, als wenn ein Unternehmen seinen Mitarbeitern nur gestattet, Zuhause beziehungsweise mobil zu arbeiten.

Der Arbeitgeber muss, wenn er einen solchen Tele-Heimarbeitsplatz einrichtet, alle arbeitsschutzrechtlichen Vorgaben kontrollieren. Beispielsweise muss er darauf achten, dass ein nach Arbeitsstättenverordnung geeigneter Raum zur Verfügung steht und die erforderlichen ergonomischen Bedingungen eingehalten werden. Die Mitarbeiter andererseits müssen dem Arbeitgeber und gegebenenfalls der Berufsgenossenschaft oder Gewerbeaufsicht Zutritt gewähren.

 


Dr. Stephan Sandrock. | Bildquelle: privat

Stephan Sandrock ist promovierter Arbeits- und Organisationspsychologe und Fachgruppenleiter Arbeits- und Leistungsfähigkeit beim Institut für angewandte Arbeitswissenschaft in Düsseldorf. Zu seinen Aufgabengebieten gehören Arbeits- und Gesundheitsschutz, ergonomische Arbeitsgestaltung, betriebliche Gesundheitsförderung und betriebliches Gesundheitsmanagement.

 

Abgesehen von diesen Vorgaben, welche Vor- und Nachteile bietet Tele-Arbeit für beide Seiten?

Ein großer Vorteil ist sicherlich, dass man berufliche und familiäre Aspekte besser in Einklang bringen kann. Hat man beispielsweise ein Kind, das am Morgen erst später in die Betreuung gebracht werden kann, hat man durch Tele-Heimarbeit die Möglichkeit, davor und danach zu arbeiten. Auch wenn man in der regulären Arbeitszeit einen Arzttermin hat, der Arbeitsort zudem noch weiter entfernt ist, kann man auch ganz gut um diesen Termin rumarbeiten. Außerdem kann man mehr oder weniger selber darüber befinden, wann man am produktivsten ist und seine Zeit dementsprechend einteilen. Unter Umständen arbeitet man sogar konzentrierter, als wenn noch weitere Kollegen im Büro sitzen. 

Andererseits verfügt nicht jeder Mitarbeiter über die erforderliche Selbstorganisation - aber das kann in einem Büro natürlich auch ein Problem sein. Die verzetteln sich dann unter Umständen und arbeiten mehr, um ihr Pensum zu erreichen. Es gilt also zu prüfen, ob die Mitarbeiter überhaupt mobil arbeiten können und wollen. Auf der anderen Seite sind auch soziale Aspekte zu nennen. Persönliche Gespräche unter Kollegen, was sagt der Flurfunk? Das alles kann nicht durch Videokonferenzen aufgefangen werden. Auch dort, wo gemeinsame Projekte bearbeitet werden, ist der persönliche Kontakt sicherlich hilfreich. Es sollte also eine gute Mischung zwischen beiden Formen bestehen.

Die Unternehmen profitieren davon, da zufriedenere Mitarbeiter gleichzeitig produktiver sind. Aber natürlich bedarf es auch einer gewissen Vertrauenskultur, da die Arbeitszeiterfassung schwierig ist und ergebnisorientiertes Arbeiten im Vordergrund steht. Ein Unternehmen muss sich auch überlegen, welche Ziele es seinen Angestellten gibt und wie diese gemessen und abgeglichen werden können. Auf der anderen Seite können Unternehmen ihre eigene Bürolandschaft anders planen, müssten also beispielsweise nicht für jeden Mitarbeiter einen eigenen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen.

 

Das sind dann Flex-Arbeitsplätze. Wie kann man sich dieses Konzept vorstellen?

Praktisch sieht das so aus, dass man morgens zur Arbeit kommt und kein festes Büro mit einem zugewiesenen Arbeitsplatz hat. Man hat einen Container, in dem alle benötigten Büromaterialien verstaut sind und schaut, an welchen freien Schreibtisch man sich setzen kann.

 

Was gibt es für Mitarbeiter und Unternehmen dabei zu beachten?

Flex-Arbeitsplätze verlangen Selbstdisziplin der Angestellten. Vor allem, was Ordnung und Sauberkeit angeht. Abends sollte dafür gesorgt werden, dass der Arbeitsplatz so geräumt ist, dass der Schreibtisch am nächsten Tag von einem Kollegen genutzt werden kann. Unternehmen wiederum müssen eine entsprechende Unternehmenskultur aufweisen und vor allen Dingen transparent kommunizieren, was ein solches Konzept bezwecken soll. Führungskräfte sollten unbedingt mit gutem Beispiel vorangehen und sich nicht in Einzelbüros verschanzen. 

Außerdem sollten Unternehmen, die vorhaben, auf ein Flex-Konzept umzusteigen, im Voraus ihre Mitarbeiter darüber informieren und auch Gestaltungsvorschläge der Angestellten berücksichtigen. Jeder Mensch ist ein Gewohnheitstier und manchmal sind gewohnte Strukturen eben schwer zu durchbrechen. Gerade deswegen ist es wichtig, die Mitarbeiter möglichst direkt abzuholen und in den Prozess zu involvieren.

 

Tele-Arbeit, Flex-Office - was vor 20 Jahren kaum denkbar war, ist heute in vielen Unternehmen gelebte Realität. Vor allem Dank der immer weiter voranschreitenden Digitalisierung. Wohin führt uns der Weg denn noch?

Dass der klassische Bürojob ausstirbt, glaube ich nicht. Aber was man auch jetzt schon sieht, ist, dass vor allem in großen Städten Büroraum teuer wird, dass kleinere Unternehmen und Start-Ups Konzepte brauchen, um sich und ihre Ideen entfalten zu können. Hier kann es sein, dass Flex-Konzepte an Bedeutung gewinnen werden. Und überall dort, wo es nicht zwingend erforderlich ist, dass Menschen Face-to-Face zusammenarbeiten, werden mobile Lösungen wichtiger werden.

Natürlich betrifft das nicht jede Berufssparte. Wir haben in Deutschland, und werden es in Zukunft hoffentlich auch noch haben, produktive Arbeitsplätze, wo etwas manuell in einer Wertschöpfungskette geschaffen wird. Es gibt Dienstleistungsarbeitsplätze im Gesundheitswesen. Da wäre so etwas wie Telemedizin vorstellbar, aber wenn es um Pflege und Betreuung geht, braucht man natürlich Mitarbeiter vor Ort.

 

Reicht unsere digitale Infrastruktur denn für vermehrte mobile Arbeit aus?

Nein, sowohl die Fest-, als auch die Mobilfunknetze müssen deutlich verbessert werden. Gerade in manchen ländlichen Regionen ist der Ausbau unterentwickelt. Es gibt zwar die Digitalisierungsstrategie der Bundesregierung, aber bei der Umsetzung hakt es noch. Da muss noch eine Menge passieren.

  

Das Interview führte Katrin König / Saarländischer Rundfunk (SR).

Stand: Sun Oct 30 02:00:00 CEST 2016 Uhr

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