ARD Themenwoche 2016 Zukunft der Arbeit

Frau mit Aktenstapeln auf dem Schreibtisch. | Bildquelle: Imago

Arbeit und die knappe Ressource Zeit

Zeit oder Geld?

Dennis Blatt / MDR

Hand auf's Herz: Die meisten Deutschen lieben es zu arbeiten - zumindest genießen wir im Ausland einen Ruf als fleißige, pünktliche und korrekte Arbeiter. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hat 2015 ergeben, dass nur jeder fünfte Deutsche aufhören würde zu arbeiten, wenn er plötzlich sehr viel Geld gewänne. Auf der anderen Seite offenbart eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung, dass vier von zehn der Befragten insgesamt weniger arbeiten möchten. Arbeit ist also schön, es sollte jedoch etwas weniger sein - nur wie?

Die Wochenarbeitszeit ging in der Vergangenheit kontinuierlich zurück. Die einzige Ausnahme waren hier die Kriegsjahre. Vor 60 Jahren wurde schließlich die 5-Tage-Woche eingeführt. 

Statistik: Arbeitsstunden pro Woche in Deutschland. | Bildquelle: MDR

Entwicklung der Wochenarbeitszeit in Deutschland und Vorgänger-Staaten.

Ab 1965 fanden nach und nach einzelne Industriezweige zu 40, später zu 35 Wochenstunden, bevor sich Mitte der 1990er-Jahre der Trend umkehrte. Einige Branchen setzten die Arbeitszeit wieder herauf, mitunter sogar auf Bitten der Gewerkschaften. Zeit ist Geld, und Arbeitszeit ist Lohn.

Heute ist die Arbeitszeit je nach Arbeitsstelle unterschiedlich. Im Durchschnitt liegt sie bei 38,5 Stunden pro Woche. Das schwankt zwischen 30 Stunden bei Erzieherinnen und 40 Stunden im öffentlichen Dienst. Ausreißer sind unter anderem Manager, die bis zu 70 Stunden die Woche schuften.

 "Zeit ist die knappste Ressource des Menschen"

Porträt Dr. Niko Paech. | Bildquelle: Privat

Prof. Dr. Niko Paech

"Das ist zu viel", sagen Gewerkschaftler, Politiker und Forscher. Auch Professor Niko Paech von der Universität Oldenburg fordert die Gesellschaft auf, umzudenken. Laut dem Volkswirt würde es viele Probleme lösen, die Arbeitszeit zu reduzieren. Der Mensch benötige keinen materiellen Wohlstand, sondern ein Vermögen an Zeit. "Wir brauchen Zeitwohlstand, weil Zeit die knappste Ressource ist", erklärt der Forscher. In unserer schnelllebigen Gegenwart bliebe nicht einmal zum Konsum noch wirklich Zeit.

"Es ist vollkommen unmöglich, ein Produkt in seinen Funktionen auszuschöpfen, ohne dem Produkt Zeit zu widmen." Weniger arbeiten, das sei der Trick. Es müsse gar nicht so viel weniger sein. Das würden sich offenbar vier von zehn Deutschen nicht zweimal sagen lassen.

Die Idee: Wenn alle weniger arbeiten, kann die fehlende Arbeit auf Arbeitslose oder Teilzeitkräfte verteilt werden. Wer weniger arbeitet, hat mehr Zeit. Der Mensch kann bewusster konsumieren - und damit weniger. Weniger Konsum wiederum benötigt weniger Produktion, und weniger Produktion schließlich schont die Umwelt.

Es ist fast schon eine globale Rechnung, die Paech hier aufmacht. Aber sie funktioniert im kleinen Rahmen. Für echte Nachhaltigkeit dürfe die Wirtschaft nicht länger wachsen, sondern sie müsse sogar schrumpfen. Das habe jeder selbst in der Hand, indem er oder sie wieder selbstständiger werde. "Das heißt, dass wir Produkte reparieren, sie gemeinschaftlich nutzen und auch dazu übergehen, Dinge selbst zu produzieren", führt Paech aus. Lieber einmal den lahmen Laptop vom Bekannten neu aufsetzen lassen, statt einen neuen zu kaufen. Oder mit dem Nachbarn zusammen einen Gemüsegarten anlegen. Das schaffe Gemeinschaft, spare Geld und Ressourcen.

Mehr Zeit für sich und andere

Porträt Konzeptwerker Christoph Sanders. | Bildquelle: Dennis Blatt

Christoph Sanders

Aber nicht nur in Sachen Konsum und Nachhaltigkeit sei Zeit entscheidend. Das Konzeptwerk Neue Ökonomie - eine junge Organisation, die zum sozial-ökonomischen Umdenken aufruft - kreidet der knappen Zeit auch andere Missstände an. So bliebe durch sie oft der soziale Aspekt auf der Strecke. "Eine kurze Vollzeit ist auch eine Voraussetzung, sich um sich und um andere zu kümmern", erklärt Konzeptwerker Christoph Sanders. "Das hat auch Einfluss auf die politische Willensbildung."

Die politischen Entscheidungen würden immer komplexer. Kaum jemand habe die Zeit, sich über alle ihn betreffenden Vorgänge richtig zu informieren. Das Ergebnis: Immer weniger Deutsche interessieren sich für Politik, die Wahlbeteiligung sinkt rapide. Politikverdrossenheit. Zeitwohlstand würde auch hier helfen und die Demokratie stärken.

Eine "Milchmädchen-Rechnung"

Porträt Dr. Harald Wiese. | Bildquelle: Dennis Blatt

Prof. Dr. Harald Wiese

Mehr Zeit als Lösung aller Probleme - ist es wirklich so einfach? Zumindest einige Punkte von Paechs Konzept rufen Zweifel hervor. Zum Beispiel, was die Idee der Arbeitsumverteilung und der so sinkenden Arbeitslosigkeit angeht. "Das hört sich für mich nach Milchmädchen-Rechnungs an", sagt Professor Harald Wiese, Ökonom an der Universität Leipzig. "Als ob man einfach die Stunden nehmen kann, die insgesamt gearbeitet werden können, und die dann irgendwie anders verteilen kann.“

So werde das nicht funktionieren, nicht jeder könne jede Arbeit übernehmen. Generell sieht Wiese gar keine Motivation bei den Menschen, weniger zu arbeiten. "Manche, die ja auch nur eine 20-Stunden-Woche haben, arbeiten noch in einem zweiten Job." Wäre der Wunsch zum weniger Arbeiten wirklich da, würde sich eine liberale Wirtschaft wie die deutsche automatisch in diese Richtung entwickeln, so der Ökonom.

Nur noch Kopfarbeit

Porträt Arbeitspsychologin Dr. Sabine Korek. | Bildquelle: Dennis Blatt

Dr. Sabine Korek

Aber ist sich der Mensch immer dessen bewusst, was gut für ihn ist? Laut Studien der Bundesanstalt für Arbeiterschutz und Arbeitsmedizin zeigte 2011 jeder fünfte Arbeitnehmer Burnout-ähnliche Phasen. Ebenfalls jeder Fünfte litt unter gesundheitlichen Stressfolgen. Ist das nicht ein Zeichen für zu lange Arbeitszeiten? Nicht unbedingt, sagt Arbeitspsychologin Sabine Korek. Bei einem Burnout spiele nämlich die gesamte Arbeitssituation eine Rolle.

Auch die Art der Arbeit selbst ist entscheidend. In Deutschland werde hauptsächlich geistige Arbeit verrichtet, in der Regel am PC. Das erfordere viel Konzentration und liefere selten greifbare Ergebnisse. "Man  arbeitet am Computer so vor sich hin, aber eigentlich hat man gar nicht mehr das Gefühl, ob das jetzt wirklich gut war, was man gemacht hat", führt Korek aus. "Wenn man aber etwas repariert oder seine Wohnung streicht, sieht jeder sofort, ob seine Arbeit gut war oder nicht. Dieses Gefühl 'Ich sehe, was ich tue, ich kriege ein Feedback', ist letztlich auch eine sehr starke Belohnung."

Eine kürzere Arbeitszeit wäre dennoch gesund, vor allem, wenn man sich in der gewonnenen Zeit körperlich betätigt und eigene Projekte verwirklicht.

Zeit bleibt ein Luxus

Stimmt also das Sprichwort, dass weniger letztendlich doch mehr ist? In gesundheitlicher, sozialer und vielleicht auch ökologischer Hinsicht ist das sicherlich richtig. Aber weniger Arbeitszeit bedeutet nun einmal auch weniger Lohn. Vor allem Geringverdiener sind aber auf jede Minute Arbeit angewiesen, kämpfen sogar für mehr Arbeitszeit. Weniger Arbeit bleibt also ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann.

Stand: Sun Oct 30 07:00:00 CET 2016 Uhr

Darstellung: