Berufs-Porträt Bestatter für die ARD-Themenwoche 2016 "Zukunft der Arbeit"

Bestatter Ralf Michal vor geschmücktem Sarg in der Kirche. | Bildquelle: Privat

Berufs-Porträt Bestatter

"Nur Särge verkaufen war gestern"

Dass Ralf Michal einmal Bestatter wird, stand schon vor seiner Geburt fest. So ist das eben, wenn die Eltern ein vom Ur-Ur-Großvater gegründetes Familienunternehmen betreiben. Michals Beruf hat sich stark gewandelt: Haben Bestatter früher in erster Linie Särge verkauft und Verstorbene überführt, bieten sie heute ein stetig wachsendes Dienstleistungsportfolio an. Doch nicht jeden Sonderwunsch kann der 49-jährige Schweinfurter Unternehmer seinen Kunden erfüllen.

ARD.de: Sie sind Bestatter - warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?

Ralf Michal: Eigentlich wurde ich nicht direkt gefragt. Ich bin die fünfte Generation in einem seit 1833 bestehenden Familienunternehmen - da gab es schon einen gewissen Erwartungsdruck.

 


Socialmedia. | Bildquelle: ARD

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In die Wiege gelegt

Ist es ein Fluch oder ein Segen, wenn der spätere Beruf schon seit der Geburt feststeht? Diskutieren Sie unten mit!

 

Wie verlief Ihre Ausbildung - auf welchen Wegen sind Sie das geworden, was Sie heute sind?

Ich machte das Abitur und danach leistete ich Grundwehrdienst bei der Bundeswehr. Zur damaligen Zeit, 1989, gab es noch keine geregelte Berufsausbildung in unserer Branche. Alles, was man machte, war freiwillig, die Trägerschaft lag beim Berufsverband und noch nicht bei der Handwerkskammer. Ich machte mit 21 Jahren meine Prüfung zum "geprüften Bestatter" - als jüngster überhaupt. Im Jahr 2000 konnte man dann erstmals den "Bestattermeister / Funeralmaster" in Bayern machen. Bei diesem ersten Lehrgang war ich dabei - mit dem besten Ergebnis des Lehrgangs.

 

Können Sie bitte Ihren typischen Arbeitstag von Dienstbeginn bis Feierabend beschreiben?

Wenn ich nicht zuvor zur Nachtbereitschaft oder zum Telefondienst eingeteilt gewesen bin, beginnt der Arbeitstag gegen 7.45 Uhr mit der Besprechung und der Arbeitseinteilung. Hier nehmen alle anwesenden Mitarbeiter teil, und jeder bekommt einen genauen Tagesablauf in schriftlicher oder digitaler Form. Dann ist der Tag gefüllt mit Beratungsgesprächen, Versorgungen Verstorbener, Vorbereitung und Dekoration von Trauerfeiern sowie Begleitung und Leitung von Bestattungen. Nachmittags sind dann bei uns im Hause noch Verabschiedungen am offenen Sarg für trauernde Angehörige und meist gegen 16 Uhr dann auch noch Vorsorgeberatungen für Menschen, die die Details ihrer Bestattung im Vorfeld schon regeln möchten.

 

Ist Ihr Beruf so, wie sie ihn sich vorgestellt haben, ehe Sie ihn ausgeübt haben?

Nein, das ist er wirklich nicht mehr. Früher hat der Bestatter Särge verkauft und Verstorbene überführt. Heute bieten wir ein umfangreiches Dienstleistungsportfolio an, das täglich größer wird.

 

Ralf Michal mit Blumenkränzen vor geschmücktem Sarg. | Bildquelle: Privat

Zum Berufsalltag eines Bestatters gehört es, Trauerfeiern vorzubereiten.

 

Wie haben sich Ihre Tätigkeiten verändert, seit Sie mit 15Jahren in den Beruf eingestiegen sind?

Die Erfindung des Mobiltelefons und der EDV bedeutete für unseren Beruf eine immense Erleichterung. Früher musste immer jemand im Haus sein, um Telefonate nach plötzlichen Todesfällen entgegenzunehmen. Heute kann man das Telefon auf das Handy umleiten und ist überall erreichbar. Dadurch kann auch der Bestatter wieder diversen Freizeitaktivitäten nachgehen und ist dennoch 24 Stunden erreichbar.

Auch die Bearbeitung des Trauerfalles ist leichter, wenn auch umfangreicher geworden. Die Kunden sind heute sicher anspruchsvoller. Sie kommen mit allerlei Sonderwünschen, die nicht immer erfüllbar sind. Der Bestatter ist immer der Mittler zwischen dem Gewünschtem und dem technisch und juristisch Machbaren. Oft kommt der Kunde mit Halbwissen aus dem Internet oder mit fragwürdigen Ratgebern von sogenannten "Verbraucherorganisationen", die leider oft die regionalen Besonderheiten im Bestattungswesen gar nicht oder nur unzureichend beachten.

 

Wenn Sie in die Zukunft blicken - wie, glauben Sie, wird Ihr Beruf dann aussehen? Wird es in, sagen wir 20 bis 30 Jahren überhaupt noch Bestatter geben?

Auch in 20 oder 30 Jahren werden Menschen sterben und müssen bestattet werden. Welche Form der Bestattung dann von den Hinterbliebenen gewählt wird, muss man abwarten. Entscheidend ist, dass auch dann Menschen gebraucht werden, die die Trauernden in dieser Phase begleiten, ihnen Hilfe bieten und Möglichkeiten aufzeigen.

 

Lieben Sie Ihren Beruf?

Dieses Frage wird mir oft gestellt. Ich mache meinen Beruf gerne. Er bietet eine Vielfalt und Abwechslung, wie nur wenige andere. Was mir an diesem Beruf nicht gefällt, ist die momentane Tatsache, dass auch unqualifizierte, persönlich und fachlich wenig geeignete Menschen diesen Weg einschlagen können, ohne eine Fertigkeitsprüfung oder eine staatliche Zulassung vorweisen zu müssen. Das muss anders werden, und hier ist die Politik gefordert.

 

Bestatter Ralf Michal. | Bildquelle: privat

 

Was denken Ihre Freunde über Ihren Beruf - und in welchem Verhältnis steht die Höhe der gesellschaftlichen Anerkennung zu dem Geld, das Sie als Bestatter verdienen?

Ich glaube, dass durch die Anerkennung der Bestattungsfachkraft und des Bestattermeisters als Lehrberuf und das daraus erwachsene steigende Interesse der Medien, die Anerkennung unseres Berufstandes in der Bevölkerung immens gestiegen ist. Auch Menschen, die in den letzten Jahren die Dienstleistungen eines Bestattungsunternehmens in Anspruch nehmen mussten, äußern sich meist sehr anerkennend und lobend. Meine Freunde haben größtenteils meine Hilfe schon benötigt und respektieren meine Arbeit - sonst wären es auch nicht meine Freunde. Die Vergütung eines qualifizierten Bestatters würde ich im Verhältnis zu seinem Arbeitsaufwand als angemessen bezeichnen.

 

Angenommen, Sie wären heute in dem Alter, in dem Sie sich für Ihren jetzigen Beruf entschieden haben - würden Sie noch einmal dieselbe Wahl treffen?

Selbstverständlich, ja! Ich habe eine Tätigkeit gefunden, die mich ausfüllt, fordert und zufrieden macht. Ich kann Menschen in einer Ausnahmesituation entscheidend weiter bringen.

 

Was raten Sie jungen Menschen, die heute mit dem Gedanken spielen, Bestatter zu werden?

Wenn man heute Bestatter werden will, dann muss man wissen, dass es keine geregelte Arbeitszeit gibt, dass auch Feiertage und Wochenenden Arbeitstage sind, und dass man auf Situationen trifft, die nicht jeder verarbeiten kann - dazu zählen zum Beispiel Tod durch Gewalteinwirkung, fortgeschrittene Verwesung und plötzlicher Kindstod. Aber man hat auch einen sicheren Arbeitsplatz, eine abwechslungsreiche Tätigkeit und - wie in jeder Branche - Erfolg, wenn man seinen Beruf gerne macht.

 

Wie wird sich Ihrer Meinung nach die zunehmende Digitalisierung auf die Arbeitswelt und auf die Gesellschaft auswirken - welche Chancen und welche Risiken sehen Sie?

Ich halte die zunehmende Digitalisierung für eine bedenkliche Entwicklung. Der Mensch rückt in den Hintergrund und auch die Mitmenschen werden weniger beachtet. Jeder sieht nur noch auf die Zahlen und auf das technisch Mögliche. Wo bleibt der Mensch? Wo bleibt das Schöne im Leben? Wichtig ist, dass man sich bei allem auch noch Zeit zum Leben und zum Genießen nimmt. Denn eines lernt man in unserem Beruf: Jeder Tag kann der Letzte sein - und man kann nichts mitnehmen.

 

Das Interview führte Ingo Fischer.

 

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Stand: 17.10.2016, 11.00 Uhr

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