Berufs-Porträt Börsenmakler für die ARD-Themenwoche 2016 "Zukunft der Arbeit"

Kapitalmarktanalyst Robert Halver (r.) mit einem Kollegen auf dem Parkett der Frankfurter Börse. | Bildquelle: Privat

Berufs-Porträt Börsenmakler / Kapitalmarktanalyst

"Der klassische Börsenhändler wird aussterben"

Robert Halver (53) ist ein gerne gesehener Experte in vielen TV-Sendungen. Der heutige Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank in Frankfurt hat 1992 begonnen, als Börsenmakler zu arbeiten. "Dramatisch", sagt er, habe sich das Berufsprofil seitdem verändert. So prognostiziert er dem klassischen Börsenhändler eine düstere Zukunft - sofern dieser sein Tätigkeitsfeld nicht in eine bestimmte Richtung ausweitet.

 ARD.de: Sie sind Kapitalmarktanalyst und haben zuvor als Börsenhändler gearbeitet - warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?

Robert Halver: Ich komme vom Bauernhof. Dort bin ich mit Ernteerträgen und Ernteverlusten sowie dem kosteneffizienten Einsatz von Maschinen und Arbeitskraft großgeworden. Fasziniert haben mich daneben von Kindesbeinen an die rauchenden Kühltürme der RWE-Kohlekraftwerke. Das hat später auch den Blick auf das Unternehmen selbst und seine Aktie gelenkt. Nicht zuletzt hat das Schulfach "Wirtschaftswissenschaft", das auch Teil meiner Abiturprüfung war, zu meiner Berufsfindung geführt. Ohnehin kam mir mein großes geschichtliches und politisches Interesse zugute, da es mir geholfen hat, die jeweils aktuelle Wirtschafts- und Finanzpolitik in Deutschland, aber auch in Europa und weltweit einzuordnen.

 


Socialmedia. | Bildquelle: ARD

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Wie verlief Ihre Ausbildung - auf welchen Wegen sind Sie das geworden, was Sie heute sind?

Nach Abitur und wirtschaftswissenschaftlichem Studium habe ich zuerst bei einer großen Sparkasse zur Grundausbildung alle relevanten Abteilungen eines Kreditinstituts durchlaufen. Über weitere berufliche Stationen habe ich dann zügig den Weg in die Analyse von Aktien und Finanzmärkten gefunden - und immer weiter vertieft.

 

Was tun Sie konkret in Ihrem Beruf - können Sie bitte Ihren typischen Arbeitstag beschreiben?

Bei meiner Arbeit beurteile ich zunächst die wirtschafts- und finanzpolitischen, aber auch geldpolitischen und geostrategischen Rahmenbedingungen. Auf dieser Grundlage schätze ich die weitere Entwicklung der globalen Aktien- und Zinsmärkte, Rohstoffe und Währungen ein. Ich arbeite also Empfehlungen aus, wie Anlegerinnen und Anleger ihr Geld sinnvoll investieren können. Diese Kapitalmarktanalyse findet auch Niederschlag in Fachpublikationen und Kolumnen in den Printmedien. Auch in Form regelmäßiger Medienpräsenz in TV-Sendern, Radiostationen und auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen bin ich für die Außendarstellung meines Arbeitsgebers zuständig.

 

Wie hat sich Ihre Tätigkeit seit Ihrem Berufseinstieg im Jahr 1992 bis heute verändert?

Dramatisch ist das richtige Wort! Um an vielversprechende Informationen zu kommen, habe ich früher im Bereich der Kapitalmarktanalyse viele Zeitungen gelesen, viel telefoniert und Netzwerkpflege bei Unternehmen betrieben. Heute kommen alle wichtigen Nachrichten aus dem Internet oder aus Informationsplattformen wie Reuters oder Bloomberg. Das macht einerseits die Informationsbeschaffung viel weniger aufwendig. Andererseits liegen diese Informationen aber auch der Konkurrenz bei anderen Banken und Analysehäusern zeitgleich vor. So wird es individuell immer schwieriger, Informationsvorsprünge zu erzielen, die zu noch besseren Analyseergebnissen und zu noch treffsichereren Anlageempfehlungen führen.

 

Wenn Sie in die Zukunft blicken - wie, glauben Sie, wird Ihr Beruf dann aussehen. Wird es Finanzmarktanalysten in, sagen wir 20 bis 30 Jahren, überhaupt noch geben?

Kapitalmarktanalyse wird es immer geben. Und sie wird auch immer anspruchsvoller, weil die Einflussfaktoren in unserer globalen Welt immer vielschichtiger werden. Die Fähigkeit, in einer medial überschwemmten Welt bedeutende von unbedeutenden Informationen zu trennen, wird für den Erfolg der analytischen Arbeit immer wichtiger. Daneben wird der Anlagebedarf immer größer, weil auf der einen Seite das weltweit anzulegende Vermögen wächst und auf der anderen Seite Anlageformen hinzukommen oder weniger wichtig werden. So werden klassische Anlageformen wie Sparbuch, Festgeld oder Anleihen im Zeitalter des zinslosen Kapitalismus immer unattraktiver. De facto sind es in puncto Altersvorsorge tickende Zeitbomben.

 

Und wie sehen Sie die Zukunft des klassischen Börsenhändlers - werden Computerprogramme, die vollautomatisch Börsentransaktionen vornehmen, bald vollständig seinen Job übernommen haben?

Die klassischen Börsenhändler, die wie früher schwerpunktmäßig fremde Kauf- oder Verkaufsaufträge abwickeln, wird es nicht mehr geben. Das lohnt sich schon aufgrund der dramatisch gesunkenen Handelspreise nicht mehr. Zukünftige Börsenhändler werden immer mehr Wertpapierpositionen auf eigene Rechnung ihrer Arbeitgeber eingehen und auf steigende oder sinkende Kurse setzen. Dabei geht es aber weniger um strategische, nachhaltige Anlagen. Es geht vor allem um taktische, also kurzfristige Positionen, die vielleicht nur einige Stunden gehalten werden, auch um kein großes Anlagerisiko einzugehen. In einer informationsinflationierten Welt kommt es dann auf den kleinsten Informationsvorsprung an, der sehr kurzfristig ausgenutzt wird.

 

Lieben Sie Ihren Beruf?

Ja, ich liebe ihn. Einen anderen Job als den eines Kapitalmarktanalysten könnte ich mir nicht vorstellen. Meine Interessen, also das, was ich gerne mache, kann ich hier entfalten. Es klingt abgedroschen, aber ich habe meinen Traumberuf gefunden, der sich einerseits durch Analyse und andererseits durch mediale Präsenz zusammensetzt. Man ist immer am aktuellen Geschehen, und es ist in unserer schnelllebigen Zeit nie langweilig.

 

Kapitalmarktanalyst Robert Halver. | Bildquelle: privat

 

Angenommen, Sie wären heute in dem Alter, in dem Sie sich für Ihren jetzigen Beruf entschieden haben - würden Sie noch einmal dieselbe Wahl treffen?

Ich würde meinen jetzigen Beruf erneut wählen. Ich kann meine Talente nutzen. Außerdem ist er krisensicher: Solange noch Geld angelegt wird, braucht man Menschen, die sich um das Wie der Geldanlage kümmern. Insofern wird es die Analyse von Wirtschafts- und Finanzpolitik, von Volkswirtschaften, Unternehmen und Anlageformen immer geben.

 

Ist Ihr Beruf so, wie sie ihn sich vorgestellt haben, ehe Sie ihn erlernt haben?

Die Praxis ist immer anders als die Theorie. Die Ausbildung, auch an Universitäten oder Fachschulen, orientiert sich vielfach an Gedankengebäuden, die praktisch nicht mehr umsetzbar sind. So ist etwa nach der Euro-Staatsanleihekrise die These vom risikolosen Zins nicht mehr zu halten. Heute haben wir das zinslose Risiko. Und Marktwirtschaft hat heutzutage angesichts des planwirtschaftlichen Eingreifens von Notenbanken in die Finanzmärkte nicht mehr die praktische Bedeutung, die ihr in der Theorie noch unterstellt wird.

Hinzu kommen vielfältige geostrategische Krisen, die in der Theorie ausgeblendet werden müssen, weil es für ihre Bewältigung keine allgemeingültigen Musterlösungen gibt. Ein massiver Unterschied zur Theorie ist auch der viel intensivere und regelmäßigere Kontakt mit Kollegen. In der Praxis geht es um Konkurrenz und Teamfähigkeit und um ein vernünftiges Verhältnis zum Vorgesetzten. Leider kommen diese praktisch dringend notwendigen sozialen Kompetenzen in der theoretischen Ausbildung zu kurz.

  

Was raten Sie jungen Menschen, die heute einen Beruf in Ihrer Branche beginnen wollen?

Jeder junge Mensch sollte sich frühzeitig klar machen, wo seine Stärken und Schwächen liegen. Das ist gar nicht so einfach. Also sollte man Praktika in vielen Branchen machen. Dann merkt man schnell, was man will oder auch nicht will, was man kann und was nicht. Ganz falsch wäre es, seine Berufswünsche nur von möglichen Einkommen abhängig zu machen. Arbeit soll und muss Spaß machen. Denn wer keine Freude an seiner Tätigkeit hat, dem nutzt ein hohes Schmerzensgeld wenig. Im schlimmsten Fall wird man krank.

Ohnehin, für die jungen Leute wird selbst die Rente mit 67 eine schöne Illusion werden. Und dann sollte die Lebensqualität durch einen unangenehmen Job nicht leiden. Hat man aber auf das falsche Berufs-Pferd gesetzt, sollte man es wechseln, bevor es einen abwirft. Immer Augen und Ohren offen halten, neugierig bleiben. Im Übrigen sollte man nicht alles planen wollen. Auch bei mir hatten das "Schicksal" und der Zufall Einfluss.

 


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Was denken Ihre Freunde über Ihren Beruf – und in welchem Verhältnis steht die Höhe der gesellschaftlichen Anerkennung zu Ihrem Gehalt?

Nach dem Zusammenbruch der Dotcom-Blase im Jahr 2000 und der Immobilienblase 2008, aber auch nach der Euro-Krise ab 2010 wird alles, was mit der Finanzindustrie zusammenhängt, viel kritischer betrachtet. War der Beruf des Bankers früher ein angesehener Beruf, hat dieses öffentliche Bild durch die schwarzen Schafe in der Branche deutlich gelitten. Interessanterweise setzt sich mein Bekannten- und Freundeskreis eher weniger aus Bankern zusammen. Da wird sicher auch hin und wieder gefrotzelt und es werden auch Banker-Klischees gepflegt.

Einiges ist in der Geschäftspolitik der Banken falsch gelaufen und diese Scherben der Finanzkrisen sind bis heute nicht alle beseitigt. Aber aus jeder Krise kann man sich wieder herausarbeiten und man muss Vertrauen zurückgewinnen. Ich bin mir sicher, dass es die Finanzindustrie mit all ihren Dienstleistungen immer geben wird. Kreditvergabe, Konto, Vermögensverwaltung werden nachhaltig gebraucht. Die Gehaltsvorstellungen von Mitarbeitern der Finanzindustrie werden in der Öffentlichkeit oft weit überschätzt. Die sogenannten guten Zeiten sind längst vorbei. Überhaupt, die dazu in den Medien immer wieder gern kolportierten Stilblüten über Einkommen, Luxusvillen und Premiumautos haben für die große Mehrheit der Bankangestellten ohnehin noch nie gepasst. Medial fallen aber die schwarzen Schafe mit dem Dreck am Stecken am meisten auf.

 

Wie wird sich Ihrer Meinung nach die zunehmende Digitalisierung auf die Arbeitswelt und auf die Gesellschaft auswirken - welche Chancen und welche Risiken sehen Sie?

Die Digitalisierung wird viele Berufsbilder ändern oder abschaffen, weil sie von Robotern erledigt werden können. Aber natürlich bieten sich neue Chancen, neue Berufsfelder, die mit der Prozessoptimierung und der neuen industriellen Revolution zu tun haben. Weiterbildung ist das A und O. Und für jeden sollte Bildung, Bildung, Bildung an oberster Stelle stehen. Stillstand ist Rückgang. Denn das Leistungsprinzip wird immer bedeutender und die Globalisierung sorgt dafür, dass unzählige Konkurrenten auf den Arbeitsmarkt kommen.

 

Das Interview führte Ingo Fischer.

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Stand: Mon Oct 17 11:00:00 CEST 2016 Uhr

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