Berufs-Porträt Journalist mit Heribert Prantl für die ARD-Themenwoche 2016 "Zukunft der Arbeit"

SZ-Redakteur Heribert Prantl bei der Arbeit. | Bildquelle: SZ

Berufs-Porträt Journalist

"Guter Journalismus hat große Zeiten vor sich"

Kostenloskultur im Internet, Auflagenrückgang und Stellenabbau bei renommierten Zeitungsverlagen und dazu von Bots vollautomatisch verfasste Börsenberichte - nicht wenige Journalisten sorgen sich um die Zukunft ihres Berufsstandes. Heribert Prantl von der "Süddeutschen Zeitung", einer der einflussreichsten Redakteure Deutschlands, zählt nicht zu ihnen. Er ist sich sicher: Journalisten werden in Zukunft notwendiger sein denn je.

ARD.de: Sie sind Journalist - warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?

Heribert Prantl: Weil ich das für den schönsten und spannendsten Beruf der Welt hielt. Und ich habe recht behalten.

 


Socialmedia. | Bildquelle: ARD

Ihre Meinung ist gefragt!

Krise oder goldene Zeiten?

Steht der Journalismus vor der schwersten Krise seines Bestehens - oder stehen ihm goldene Zeiten bevor? Diskutieren Sie unten mit!

 

Wie verlief Ihre Ausbildung - wie sind Sie das geworden, was Sie heute sind?

Ich habe Jura, Geschichte und Philosophie studiert, daneben eine Journalistenausbildung gemacht und für Lokalzeitungen gearbeitet. Ich bin erst einmal Richter und Staatsanwalt geworden - und dann hat eines Tages die Süddeutsche Zeitung angerufen: "Könnten Sie sich vorstellen, Redakteur bei uns zu werden und über Rechtspolitik zu schreiben?"

 

Was tun Sie konkret in Ihrem Beruf - können Sie bitte Ihren typischen Arbeitstag von Dienstbeginn bis Feierabend beschreiben?

Ich bin Leiter des innenpolitischen Ressorts und Mitglied der Chefredaktion. Dazu gehört nicht nur, Stücke zu schreiben, sondern viel Organisation. Dienstbeginn? Ist Dienstbeginn dann, wenn man im Büro sitzt? Und Dienstende dann, wenn man den Computer runterfährt? Wenn das so ist, dann dauert das so von halb acht bis halb acht - und in der Zeit sind Konferenzen, Gespräche, Absprachen, Telefonate. Wenn der Tag besonders gut und spannend ist, habe ich Zeit, einen Kommentar oder einen Leitartikel zu schreiben.  Und wenn ich weiß, dass tagsüber dafür keine Zeit ist, weil ich Konferenzen leiten muss, dann schreibe ich das Stück früh am Morgen oder konzipiere es wenigstens schon.

 

Ist Ihr Beruf so, wie sie ihn sich vorgestellt haben, ehe Sie ihn erlernt haben?

Schreiben ist Glück; und genau das habe ich mir gewünscht. Wenn ich gar nicht mehr zum schreiben komme, bin ich unglücklich.  Journalismus ist etwas für Neugierige. Wenn man sich diese Neugier erhält, ist der Beruf ein Schlüssel zu ganzen Welten - eigenen und fremden Welten. Das ist das wunderbare an diesem Beruf. Man lernt und erlebt und erfährt so ungeheuer viel und lernt, all das einzuordnen und zu bewerten. Wenn man Glück hat, hat der Leser, der Zuhörer und Zuschauer etwas davon - und freut sich darüber.

 

Wie hat sich die journalistische Tätigkeit seit Ihrem Berufseinstieg im Jahr 1988 bis heute verändert?

Die Technik hat sich komplett geändert. Der Beruf ist schneller geworden, viel schneller. Aber der Anspruch ist geblieben.

 

Porträt Dr. Dr. Heribert Prantl. | Bildquelle: Catherina Hess, SZ

 

Wenn Sie in die Zukunft blicken - wie, glauben Sie, wird Ihr Beruf dann aussehen? Wird es ihn in, sagen wir, 20 bis 30 Jahren überhaupt noch geben?

Ich teile die Larmoyanz derer nicht, die schon die Totenglocken des Journalismus hören. Der gute Journalismus hat große Zeiten vor sich. In einer Zeit, in der es eine ungeheure horizontale Verbreiterung des Wissens gibt, ist es wichtig, dass es ein Metier, einen Beruf, eine Instanz gibt, die dieses Wissen, die diese Informationen ordnet, sortiert, analysiert und bewertet. Ich bin überzeugt davon, dass diese Aufgabe des Journalismus notwendiger sein wird, denn je. Man wird die guten Journalisten lieben - weil sie einem in den Unübersichtlichkeiten Orientierung geben.

 

Lieben Sie Ihren Beruf? 

Er ist Beruf und Hobby zugleich; und weil das so ist, hat er etwas von Berufung. Die Sache des Journalisten ist die Demokratie, die Sache des Journalisten sind die Grundrechte der Verfassung - dafür gibt es nämlich die Pressefreiheit. Pressefreiheit ist das Brot der Demokratie.

 

Was denken Ihre Freunde über Ihre berufliche Tätigkeit - und in welchem Verhältnis steht die Höhe der gesellschaftlichen Anerkennung Ihres Berufes zu Ihrem Gehalt?

Es gibt viele Freunde, die ich ohne meinen Beruf nie gewonnen hätte. Das ist fast noch mehr wert als das Gehalt - das aber auch nicht unwichtig ist. Von der Leidenschaft allein können Journalisten nicht leben. Zur Leidenschaft gehört, dass man anständig für seine Arbeit bezahlt wird - und Zeit hat, seine Arbeit vernünftig zu machen.  Ich habe da keinen Grund zur Klage, aber: Die Einkommenssituation vieler freier Journalisten ist kümmerlich. Ein journalistisches Prekariat tut der Pressefreiheit nicht gut. Journalisten sollten nicht zu Milchbauern des Artikels 5 Grundgesetz werden.

 


Artikel 5 Grundgesetz

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.


(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.


(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

 

Angenommen, Sie wären heute in dem Alter, in dem Sie sich für Ihren jetzigen Beruf entschieden haben - würden Sie noch einmal dieselbe Wahl treffen?

Wenn man meine Antworten auf die vorigen Fragen liest, ist die Antwort klar.

 

Was raten Sie jungen Menschen, die heute Journalist werden wollen?

Ich mag den Spruch, der in der Hamburger Journalistenschule hängt: "Qualität kommt von Qual." Man muss sich quälen. Man muss ein Fach lernen - ob Jura, Orientalistik, Medizin, Chemie oder Germanistik. Das Fachwissen ist der Boden für alles weitere. Darauf wächst man dann.

 

Wie wird sich Ihrer Meinung nach die zunehmende Digitalisierung auf die Arbeitswelt und auf die Gesellschaft auswirken - welche Chancen und welche Risiken sehen Sie?

Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit werden nicht nur im Journalismus verschwimmen. Wir erleben eine dreifache Beschleunigung: des technischen Fortschritts, des sozialen Wandels und des Lebenstempos. Die Digitalisierung bringt eine Entgrenzung von Raum und Zeit. Wenn sich scheinbare Selbstständige auf Internet-Plattformen gegenseitig unterbieten, um Aufträge zu bekommen, können neue Formen digitaler Ausbeutung entstehen, fernab von Tarifverträgen und geregelter Arbeitszeit. Alte Verfassungssätze - wie sie etwa in der Bayerischen Verfassung stehen - werden ganz neue Relevanz erlangen: "Die menschliche Arbeitskraft ist gegen gesundheitliche Schädigungen geschützt" und "Jeder Arbeitnehmer hat ein Recht auf Erholung".  Es geht um das selbstbestimmte Leben in digitalisierten Zeiten. Das Recht kann dabei helfen - und der Journalismus.

 

Das Interview führte Ingo Fischer.

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Stand: Mon Oct 17 11:00:00 CEST 2016 Uhr

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