Berufs-Porträt Müllwerker für die ARD-Themenwoche 2016 "Zukunft der Arbeit"

Müllwerker Matthias Jetzt bei der Arbeit. | Bildquelle: Abfallwirtschaftsbetrieb München

Berufs-Porträt Müllwerker

"Ich liebe meinen Beruf - ja, es ist mein Traumberuf"

Schon als Kind wollte Matthias Jetzt unbedingt Müllwerker werden - und sein Traum hat sich erfüllt. Bis heute liebt der 27-jährige Münchner die körperlich harte Arbeit an der frischen Luft; bei einigen älteren Menschen sind er und seine Kollegen von der Abfallwirtschaft regelrechte Stars, die im Sommer mit Getränken versorgt werden. Und auch die drastische Warnung seiner Freunde vor seiner Berufswahl hat sich als unbegründet herausgestellt.

ARD.de: Sie sind Müllwerker - warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?

Matthias Jetzt: Mein bester Freund und ich waren in derselben Klasse, und sein Vater war schon über 20 Jahre Müllwerker. Da haben wir schon in der siebten, achten Klasse beschlossen, dass wir auch Müllwerker werden wollen. Es war also unser beider Traumberuf. Mein bester Freund arbeitet auch immer noch hier, und wir sehen uns ab und zu in der Mittagspause.

 


Socialmedia. | Bildquelle: ARD

Ihre Meinung ist gefragt!

Was war Ihr Kindheits-Traumberuf?

Feuerwehrmann, Polizist, "Müllmann", Pferdepflegerin oder Ballerina - welcher war Ihr Kinder-Traumberuf? Diskutieren Sie unten mit.

  

Wie verlief die Ausbildung - auf welchen Wegen sind Sie das geworden, was Sie heute sind?

Unsere Lehrerin hat immer gesagt: "Wenn ihr weiterhin so viel Quatsch macht, dann wird das schwer mit der Stadt!" Ich wusste, ohne abgeschlossene Berufsausbildung kommt man schwer in den Beruf rein. Also habe ich erst meine Schule fertig und danach eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker gemacht. Den Gesellenbrief habe ich dann meiner Lehrerin gezeigt. Danach musste ich noch zum Zivildienst, und anschließend habe ich mich bei der Stadt München als Müllwerker beworben - ich wurde genommen.

 

Was machen Sie als Müllwerker genau - können Sie bitte Ihren typischen Arbeitstag von Dienstbeginn bis Feierabend beschreiben?

Ich komme um 6 Uhr früh in den Betrieb und melde mich bei einem Außendienstverantwortlichen, der mir sagt, bei welchem Team ich an dem Tag mitarbeite. Ich bin nicht immer beim selben Team, aber das macht mir mehr Spaß, dann ist die Arbeit nicht jeden Tag die gleiche, und ich habe Abwechslung. Spätestens um 6.30 Uhr muss ich am Lkw sein, denn dann rücken wir aus. Wir sind dann so gegen 7 Uhr im Bezirk und beginnen in der Siedlung gleich mit der Arbeit: Mülltonnen holen von ihren Standplätzen, in den Lkw leeren und danach wieder zurückstellen.

Normalerweise fahren wir pro Tag zwei Fuhren. Wenn die erste Fuhre vorbei ist, machen wir Pause, danach müssen wir mit dem Lkw zum Ausleeren: Restmüll kommt ins Heizkraftwerk, Bioabfälle in die Trockenfermentationsanlage, Papier zu einer Firma, die Altpapier verwertet. Nach der zweiten Fuhre fahren wir auch wieder zum Ausleeren und dann in den Betrieb zurück. Wir duschen dann hier und ziehen uns um, meistens bin ich dann gegen 15.30 bis 16 Uhr zuhause.

 

Matthias Jetzt. | Bildquelle: Abfallwirtschaftsbetrieb München

Müllwerker - ein Traumberuf für viele kleine Jungs, aber nur für wenige Männer.

 

Ist Ihr Beruf so, wie sie ihn sich vorgestellt haben, ehe Sie ihn ausgeübt haben?

Ja, im Großen und Ganzen hab' ich ihn mir genauso vorgestellt. Ich kannte ja vieles schon aus den Erzählungen vom Vater meines Freundes und anderen Bekannten, die auch Müllwerker waren. Allerdings hatte ich mir nicht vorgestellt, dass es so anstrengend ist. Am Anfang war ich nach der zweiten Fuhre ziemlich kaputt. Ich bin nach Hause und gleich schlafen gegangen. Aber mittlerweile habe ich mich an den anstrengenden Job gewöhnt. Jetzt geht das mit links.

 

Wie hat sich Ihre Tätigkeit seit Ihrem Berufseinstieg vor fast fünf Jahren bis heute verändert? 

Früher, als ich angefangen habe, gab's noch Eisentonnen. Insbesondere die Großbehälter aus Stahl in großen Wohnanlagen waren sehr, sehr schwer - ich weiß gar nicht, wie wir das damals gemacht haben, so schwer waren die. Mittlerweile gibt es Gott sei Dank nur noch Kunststoffbehälter, das ist von der Arbeit her eine große Erleichterung.

Auch die Müllfahrzeuge sind besser und schneller geworden: Nicht, dass sie schneller fahren können, aber der Aufzug hinten, der die Tonnen hochhebt und auskippt und auch die Presse im Inneren sind schneller geworden. Jetzt funktioniert jede Leerung besser, schneller und einfacher. Die Stahlbehälter hatten früher auch eine andere Leer-Vorrichtung, da hat alles viel länger gedauert.

Und unsere Arbeitskleidung ist jetzt viel besser: Die Schuhe sind bequemer und halten mehr aus, zum Beispiel auch mehr Regen. Die Jacken und Hosen sind vom Schnitt her besser, Reißverschlüsse und Taschen sind viel praktischer. Nur die Arbeitshandschuhe sind nicht optimal, weil es sie nur in Einheitsgröße gibt. Ab und zu ziehe ich noch andere Handschuhe drunter, weil sie sonst zu groß sind, aber dann kann ich die Finger nicht mehr bewegen, und wenn ich am Lkw einen Knopf drücken muss, geht das nur ganz schlecht.

 

Wenn Sie in die Zukunft blicken - wie, glauben Sie, wird Ihr Beruf dann aussehen? Wird es ihn in, sagen wir, 20 bis 30 Jahren überhaupt noch geben, oder werden die Tonnen bis dahin überall vollautomatisiert entleert?

Bei den privaten Entsorgungsfirmen werden die Abfalltonnen zum Teil jetzt schon automatisch geleert. Aber in München wird das wegen der so genannten Traghäuser schwierig: Das sind alte Mehrfamilienhäuser zum Beispiel in Schwabing oder Haidhausen, da gelangt man über ein Hochparterre, also über Stufen, in einen Hinterhof, wo die Mülltonnen stehen. Ich glaube nicht, dass es irgendwann Roboter gibt, die in die Traghäuser klettern, in den Hinterhof laufen und von dort die Tonnen rausholen und leeren. Anders wird es bestimmt, aber ich weiß nicht wie.

 

Lieben Sie Ihren Beruf?

Ja, ich liebe meinen Beruf, schließlich ist es ja mein Traumberuf. Ich bin jeden Tag an der frischen Luft, und das macht echt Spaß. Und ich habe direkten Kontakt zu den Leuten. Nur wenn es den ganzen Tag duscht oder der Winter kommt, dann ist es nicht so lustig, wenn man die ganze Zeit im Nassen steht. Oder wenn es 35 Grad hat, da bin ich dann schon sehr froh, wenn in den nächsten zehn Metern endlich Schatten kommt. Und im Sommer stinkt der Biomüll, das ist manchmal ganz schön happig.

 

Was denken Ihre Freunde über Ihren Beruf - und in welchem Verhältnis steht die Höhe der gesellschaftlichen Anerkennung zu Ihrem Gehalt?

Es gibt solche und solche: Viele Leute, vor allem ältere, die freuen sich den ganzen Tag auf die Müllabfuhr. Die springen gleich raus, wenn wir kommen, bringen uns etwas zu trinken, wenn es warm ist oder sie wollen sich einfach nur unterhalten. Aber es gibt auch andere, die sich wegen jeder Kleinigkeit aufregen, weil vielleicht noch ein kleiner Rest in der Tonne geblieben ist.

Am Anfang, wenn ich meinen Freunden von meinem Beruf erzählt habe, haben sie oft gesagt: "Was, echt? Das kommt aber nicht gut bei den Mädels an!" Mittlerweile ist es für meine Freunde aber ganz normal. Und meine Freundin hat auch nichts dagegen. Sie ist auch glücklich, dass ich eine sichere Arbeit habe. Zum Thema Gehalt: Natürlich hätte man da gerne immer etwas mehr.

 

Müllwerker bei der Arbeit. | Bildquelle: Abfallwirtschaftsbetrieb München

Matthias Jetzt arbeitet lieber unter freiem Himmel als in einer Werkstatt.

 

Angenommen, Sie wären heute in dem Alter, in dem Sie sich für Ihren jetzigen Beruf entschieden haben - würden Sie noch einmal dieselbe Wahl treffen?

Ja, ich glaube schon. Es hat sich in meiner Einstellung zum Beruf nichts geändert. Ich hatte ja die Möglichkeit, in meinem Ausbildungsberuf als Mechatroniker zu arbeiten. Aber da wäre ich den ganzen Tag in einer Halle. Das möchte ich nicht, da bin ich lieber im Freien. Ich würde es wieder genauso machen.

 

Was raten Sie jungen Menschen, die heute einen Beruf in Ihrer Branche beginnen wollen?

Sie sollten auch zuerst eine Berufsausbildung machen, damit sie eine Alternative haben, wenn ihnen der Beruf des Müllwerkers nicht mehr gefällt. Und sie sollten, wenn es möglich ist, zu einem kommunalen Betrieb gehen, um mehr Sicherheit zu haben.

 

Wie wird sich Ihrer Meinung nach die zunehmende Digitalisierung auf die Arbeitswelt und auf die Gesellschaft auswirken - welche Chancen und welche Risiken sehen Sie?

Ich habe von Mülltonnen gehört, die einen Chip tragen, der anzeigt, wie viel in der Tonne drin ist und der diese Daten überträgt. Sagt der Chip, dass die Tonne leer ist, muss sie nicht angefahren werden. Wir würden uns dadurch viele Wege und Sprit sparen. Außerdem würde der Chip automatisch anzeigen, wenn wir eine Tonne einmal übersehen. Und es könnte niemand mehr behaupten, wir hätten die Tonne nicht geleert, obwohl er sie selbst sofort nach der Leerung wieder befüllt hat. Ein Risiko sehe ich darin, wenn dort, wo dies möglich ist, die Tonnen automatisch vom Müllfahrzeug aufgenommen und geleert werden. Dann würden Arbeitsplätze wegfallen.

 

Das Interview führte Ingo Fischer.

 

Ihre Meinung

Stand: Mon Oct 17 11:00:00 CEST 2016 Uhr

Darstellung: