Elisabeth Botsch Einkommen müssen gleicher verteilt werden

Eine gelbe Grafik mit verschiedenen Symbolen. | Bildquelle: colourbox.de

Gendergerechtigkeit in Deutschland

Frauen wie Männer sollen ihr Leben besser gestalten können

Ein Kommentar von Elisabeth Botsch

Die Gleichstellung von Männern und Frauen hat in Deutschland deutliche Fortschritte erzielt. Frauen haben in den letzten zwanzig Jahren bei den Bildungsabschlüssen aufgeholt und verfügen über vergleichbare Qualifikationen, die Lebensentwürfe sind vielfältiger geworden und jungen Frauen steht heute die Welt offen. Mit dem Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit hat sich ein neues Leitbild einer eigenständigen Existenzsicherung für alle Menschen etabliert, das der zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung aufgreift: Ziel ist eine Gesellschaft mit gleichen Verwirklichungschancen von Frauen und Männern. Doch sind die Chancen zwischen den Geschlechtern in der Realität gerecht verteilt? 

Nach dem Gleichstellungsindex des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen, das Deutschland seit Jahren nur auf einem mittleren Platz, sogar unterhalb des europäischen Durchschnitts listet, ist Deutschland noch weit von einer geschlechtergerechten Gesellschaft entfernt. Demnach bestehen in allen Lebensbereichen nach wie vor Ungleichheiten, auch auf dem Arbeitsmarkt. 


Gerechtigkeit unter den Geschlechtern

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Zwar ist die Erwerbsbeteiligung von Frauen seit den frühen 90er-Jahren stetig gewachsen und erreicht mittlerweile eine Quote von 74 Prozent gegenüber 82 Prozent bei Männern. Doch die Hälfte der Frauen - vielfach Mütter und Niedrigqualifizierte - arbeitet in Teilzeit - oft weniger als 15 Stunden pro Woche - oder geringfügiger Beschäftigung und Minijobs, jedoch nur 9 Prozent der Männer. Dies verfestigt die anhaltend hohe geschlechtsspezifische Lohnlücke von 21 Prozent, die eine noch größere Rentenlücke nach sich zieht. Insgesamt hat das Arbeitsvolumen der Frauen in Vollzeitäquivalenten kaum zugenommen, so die ernüchternde Bilanz.

Teilzeitarbeit, niedrige Löhne und Erwerbsunterbrechungen, meist infolge von Vereinbarkeitsarrangements in Haushalten mit Kindern oder Pflegebedürftigen, erweisen sich im Lebensverlauf von Frauen häufig als Falle, denn sie kumulieren Nachteile, die nicht mehr ausgeglichen werden können. Viele Frauen wollen mehr arbeiten, wie Studien über Arbeitszeitwünsche zeigen. Männer dagegen würden ihre Arbeitszeit vorübergehend reduzieren, wenn sie könnten. Die „Brückenteilzeit“ wird in Zukunft die Chance, dass Frauen und Männer dabei nicht mehr aufs Abstellgleis geraten, erhöhen. 

Ungerecht geht es auch an der Spitze von Unternehmen zu. Die Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichtsräten, die nach harten Kämpfen schließlich 2015 eingeführt wurde, ist nur für die rund 100 größten börsennotierten und mitbestimmungspflichtigen Unternehmen verbindlich und zeigt dort auch Wirkung. Für rund 4.000 weitere Firmen gibt das Gesetz vor, sich selbst Zielgrößen für den Frauenanteil in Vorstand und anderen Führungsgremien zu geben. Fast die Hälfte der Unternehmen ohne Frau im Vorstand boykottiert jedoch die Gleichstellung, indem sie mit der Zielgröße null plant. Verbindliche Regelungen mit Sanktionen sind deshalb unausweichlich, um diese Männerdomänen aufzubrechen.

Doch befinden sich die Rollenbilder von Frauen und Männern im Wandel hin zu einer gleichberechtigteren Aufteilung von Erwerbs- und unbezahlter Care-Arbeit. Inzwischen sind 90 Prozent der jungen Paare in Deutschland der Meinung, beide Eltern seien gleichermaßen für die Kinder zuständig. Dem tragen Reformen in der Familienpolitik Rechnung, die eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zum Ziel haben, wie das Elterngeld und ElterngeldPlus. Allerdings besteht dringend weiterer Reformbedarf, um strukturelle Fehlanreize wie die kostenfreie Mitversicherung und das Ehegattensplitting zu beseitigen. 

Es geht aber um mehr als die Erwerbsarbeit. Viele Menschen fordern mehr Gestaltungsmöglichkeiten für ihr Leben, Raum für bezahlte und unbezahlte Arbeit, für Sorgearbeit, aber auch für Freundschaften und Ehrenamt ein. Flexible und innovative Arbeitszeitmodelle, die allen Beschäftigten mehr Zeitsouveränität geben und nicht in eine Sackgasse führen, sind gefragt. Vor allem aber sollten die Unternehmen Karriereförderung von der ständigen Verfügbarkeit am Arbeitsplatz entkoppeln, damit beide, Frauen und Männer, ihr Leben vielseitiger gestalten können. Die Digitalisierung der Arbeit könnte dabei Chancen eröffnen.

Stand: Wed Nov 14 13:06:14 CET 2018 Uhr

Elisabeth Botsch. | Bildquelle: Elisabeth Botsch

Zur Person

Elisabeth Botsch ist Studienleiterin der Europäischen Akademie Berlin und arbeitet zu den Schwerpunkten Governance, Arbeitsmarkt, Geschlechtergerechtigkeit, Antidiskriminierung, soziales Europa, Stadtentwicklung und lokale Demokratie.

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