Christoph Antweiler: "Andere Völker sind auch nicht glücklicher als wir"

Christoph Antweiler. | Bildquelle: Privat

Christoph Antweiler, Ethnologe

"Andere Völker sind auch nicht glücklicher als wir"

"Naturvölker besitzen so viel weniger als wir und sind dennoch viel glücklicher!" Eine Aussage, die man immer wieder hört. Der Ethnologe Christoph Antweiler von der Universität Bonn kann darüber nur den Kopf schütteln.

 

ARD.de: Was bedeutet für Sie "Glück"?

Christoph Antweiler: Das ist ein momentanes Gefühl völliger Freiheit oder ein dauerhaftes tiefes Zufriedensein.

 

Bei welcher Gelegenheit waren Sie das letzte Mal glücklich?

Als ich heute früh die schönen Wolken am Himmel sah.

 

 Wann ist Ihnen ein "großes Glück" begegnet, und wie hat dieses Ereignis Ihr weiteres Leben geprägt?

Ein großes Glück ist für mich, mit meiner Frau zwei Kinder zu haben und ein Jahr in Indonesien gelebt zu haben. Beides hat meinem Leben eine starke Richtung gegeben. Beides bringt fast jeden Tag glückliche Gefühle oder glückliche Erinnerungen.

 

Haben Sie einen Trick, um sich einen Glücksmoment zu verschaffen?

Ich hebe den Kopf und schaue auf die Natur beziehungsweise zu Bäumen am Horizont.

 

Dass so genannte Naturvölker viel glücklicher seien als wir, obwohl sie doch viel weniger besitzen, ist eine weit verbreitete Ansicht. Wie denken Sie als Ethnologe darüber - ist das eine Tatsache oder ein Vorurteil?

Das ist ein Vorurteil oder präziser: eine verschobene Sehnsucht. Es ist die nostalgische Sehnsucht nach glücklicheren Zeiten in unserer eigenen Kultur. Heutige fremde Kulturen werden als frühe Stufen der eigenen wahrgenommen. Folglich wird das vermeintliche eigene frühere Glück auf fremde gegenwärtige Kulturen projiziert. Das ist übrigens mittlerweise ein weltweites Phänomen.

 

 

Das Interview führte Ingo Fischer

Stand: 08.10.2013, 12.03 Uhr

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