Berufs-Porträt Herzchirurg für die ARD-Themenwoche 2016 "Zukunft der Arbeit"

KFZ-Mechaniker. | Bildquelle: Imago

Interview mit Arbeitspsychologen

"Arbeit muss einen Sinn für uns haben"

Was macht Arbeit eigentlich mit uns, was bedeutet sie für unser Leben? Warum ist uns Arbeit wichtig, und wie finden wir das richtige Maß? Ein Gespräch mit dem Psychologen Dr. Wladislaw Rivkin vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund.

ARD.de: Herr Rivkin, wenn wir neue Menschen auf einer Party kennenlernen, ist oft eine der ersten Fragen: Und, was machst du so? Warum ist die Arbeit so häufig Party-Talk?

Wladislaw Rivkin: Gute Frage. Das hat einfach damit zu tun, dass wir einen großen Teil des Lebens mit Arbeit verbringen, man verbringt oft mehr Zeit bei der Arbeit als mit der Familie. Arbeit hat einen großen Anteil an unserem Leben, und ist damit auch Anknüpfungs- und Identifikationspunkt.

 

Was bedeutet das für unsere Berufswahl?

Es gibt unheimlich viele Ausbildungsberufe und Studiengänge, dadurch ist es für viele Jugendliche zunehmend schwerer, eine fundierte Wahl zu treffen. Da kann man sehr viel falsch machen. Vor allem Schulen haben das noch nicht erkannt, die Beratungsangebote sind noch sehr begrenzt. Unsere Untersuchungen zeigen: Wenn man einen Beruf hat, mit dem man nicht wirklich zufrieden ist, dann ist das mit ziemlicher Sicherheit irgendwann mit gesundheitlichen Einschränkungen verbunden - vor allem auf der psychischen Ebene.

Und da fehlen in unserem System auch Möglichkeiten, sich und Dinge mal auszuprobieren - man merkt das an hohen Quoten von Studienabbrechern - das wird als Problem dargestellt. Besser wäre es, den jungen Leuten ein oder zwei Jahre lang die Möglichkeit zu geben, sich die Berufswelt anzuschauen, etwa bei einem Praktikum. Stattdessen ist die Gesellschaft darauf gepolt, mit 18 zu entscheiden, was ich machen möchte bis ich 60 Jahre alt bin.

 

Was, wenn wir die richtige Arbeit gefunden haben?

Da gibt es eine sehr große Varianz. Arbeit kann sehr stark beanspruchen - Stichwort Burn-out und Erschöpfungsdepressionen. Wenn ich einen Job habe, zu dem ich gut passe und der mir Spaß macht, führt das auch zu positiven Effekten: Ich habe ein gesteigertes Wohlbefinden, ich fühle mich nützlich, produktiv, die soziale Unterstützung bei der Arbeit spielt eine große Rolle. Arbeit gibt uns - neben der klassischen Verdienstmöglichkeit - ein starkes Wertgefühl und eine Bedeutung im Leben.

 

Gilt das für alle Arten von Jobs und alle Qualifikations-Stufen?

Das kann in allen Bereichen gelten, nicht nur für hoch qualifizierte Berufe. Grundsätzlich kann jede Art von Arbeit sinnstiftend sein. Es ist wirklich eine Frage der Passung, die individuellen Bedürfnisse müssen befriedigt werden.

 

 

Und welche sind das?

Wir sprechen von drei Grundbedürfnissen, die Menschen bei der Arbeit haben:

1) Das Bedürfnis nach Autonomie - ich kann selber entscheiden, was ich bei der Arbeit tue (klassische Kontrollspielräume).

2) Bedürfnis nach Kompetenz: Menschen möchten bei der Arbeit Dinge tun, in denen sie sich gut und kompetent fühlen - Dinge tun, die sie können.

3) Bedürfnis nach Zugehörigkeit: Wir möchten in einem Umfeld arbeiten, mit dem wir gut auskommen.

Wenn diese drei Bedürfnisse befriedigt sind, nimmt man Arbeit nicht mehr als getrennt von sich selbst, sondern als Teil von sich selbst wahr - dann ist Arbeit sinnstiftend.

 

Wie wird sich sinnstiftende Arbeit, wie Sie es nennen, künftig verändern?

Wir müssen vielleicht unser Verständnis von Arbeit neu definieren: Denn wenn wir an ehrenamtliche Arbeit in Vereinen zum Beispiel denken, dann ist das auch Arbeit - wird aber meist nicht so definiert oder empfunden.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass in der Erwerbsarbeit künftig vermehrt die Selbstregulation eine Rolle spielen wird. Wir sind gefordert, Impulse zu kontrollieren. Vielleicht auch Arbeiten zu erledigen, die uns keinen großen Spaß machen.

Auf der anderen Seite sollen wir bei der Arbeit Emotionen zeigen, die wir vielleicht nicht empfinden - wenn wir uns den Dienstleistungssektor anschauen, Kellner zum Beispiel. Da sind die Anforderungen in den vergangenen Jahren gestiegen, und sie werden weiter steigen. Das kann dann einer der Kernpunkte bei der psychischen Beanspruchung sein - Stichwort Burn-out. Wenn wir uns bei der Arbeit viel kontrollieren (müssen), ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass wir erschöpft sind und möglicherweise Burn-out bekommen.

 

Kann man denn diese Selbstregulation üben und beispielsweise lernen, freundlich zu sein und eine positive Einstellung zu haben?

Selbstregulation funktioniert wie ein Muskel, das ist bei jedem aber sehr unterschiedlich. Wenn ich ausgeschlafen bin und einen guten Tag habe, ist der Muskel nicht so strapaziert wie an einem Tag, der vollgestopft ist mit Terminen. Wenn ich abends abschalten und mich erholen kann, wird der Muskel entspannt. Auch genügend Schlaf spielt eine Rolle.

Man kann diese Selbstkontrolle zwar trainieren, allerdings sind die Erfolge begrenzt. Die Wirksamkeit einiger Trainingsmethoden wurde bisher nicht sehr ausführlich evaluiert. Bei einem Training zur Emotionsarbeit, das Smartphone-basiert war, konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass sich das Training auf das Trinkgeld der Testpersonen positiv auswirkt - bei Taxifahren, Kellnern und Friseuren. Die Gruppe, die das Training gemacht hat, hatte am Ende des Tages mehr Trinkgeld in der Tasche.

Generell sind es auch die Rahmenbedingungen, die die Effekte der Beanspruchung abmildern. Wenn ich in meinem Betrieb gerne arbeite, machen mir die Anforderungen an die Selbstkontrolle nicht so viel aus als wenn ich in einem Betrieb bin, in dem ich nicht arbeiten will.

 

Das Interview führte Annika Franck / Westdeutscher Rundfunk.

Stand: Tue Nov 01 00:30:00 CET 2016 Uhr

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