Die Hassgesellschaft - Teil 2

Ein Troll kommt aus einem Bildschirm, eine Frau davor erschrickt. | Bildquelle: colourbox.de

Foto: Fotomontage ARD.de/colourbox.de

Kommentarkultur im Internet

Kein Futter für Trolle

Martin Walter

Die verrohte Kommentarkultur im Netz ist ein unerfreuliches, aber kein ganz neues Phänomen. Wie lässt sich diese Entwicklung erklären und wie damit umgehen?

Ein Erklärungsansatz für den verrohten Ton scheint auf der Hand zu liegen: Anonymität. "Computerbasierte Kommunikation bietet generell die Möglichkeit zu anonymerem Verhalten," sagt Christiane Eichenberg, Professorin für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Medien an der Sigmund Freud Privat Universität in Wien. Dies führe zu zweierlei Tendenzen: "Zum einen fühlen Nutzer sich freier und sind emotional ehrlicher, zum anderen verhalten sie sich rauer", so Eichenberg.

Die Wissenschaft spricht in diesem Zusammenhang vom sogenannten "Disinhibition Effect" nach Suler, zu deutsch so etwas wie ein "Online-Enthemmungseffekt". Ohne soziale Kontrollinstanz fällt es vielen Menschen im Internet schwer, ihre Impulse zu zügeln. Ein Phänomen, das sich nicht auf junge Menschen beschränkt - und keine neue Erscheinung ist. "Schon in den 1990er-Jahren gab es den Begriff des 'Flaming', der asoziales Verhalten im Netz charakterisiert", so Eichenberg.

Thilo Sarrazin, der Offline-Troll

"Ich glaube, dass im Netz etwas aufscheint, was offline schon zu einem großen Problem geworden ist: Es gibt keine richtige Diskussionskultur in diesem Land", meint Dirk von Gehlen, Leiter Social Media bei der Süddeutschen Zeitung. Das Verhalten der Online-Trolle auf den Webseiten großer Medien vergleicht er mit dem provokanten Auftreten von Thilo Sarrazin in der realen Welt. Folgt man dieser Betrachtungsweise spiegelt die Kommentarkultur im Netz eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung.

Dabei könnte es so schön sein. Das Internet als Raum, wo sich Kommunikation und Diskurse demokratisieren und neu erblühen - ein ausgeträumter Traum? Die Realität sieht vielfach anders aus. Dennoch glaubt Prof. Dr. Eichenberg an die Selbstregulierung vieler Foren und Communitys, indem Spammer ausgeschlossen werden und adäquaten Beiträgen Gehör verschafft wird.

"Don't feed the trolls" ("Trolle niemals füttern") gilt längst als goldene Regel für den Umgang mit den Störenfrieden. Allen anderen Nutzern rät Prof. Dr. Eichenberg zum Ignorieren: "Sich nicht verstricken lassen, aus der Diskussion aussteigen und selbst in dem Sinne ein Vorbild sein, dass es im Netz - wie im 'real life' - soziale Regeln und Normen gibt." Im Internet heißen sie "Netiquette". Zu finden sind diese Umgangsregeln auf den Social-Media-Seiten fast aller Medien, auch beim Facebook-Auftritt von ARD.de.

"Wir schicken den Scheiß zurück"

Längst treibt der Umgang mit dem Hass aber auch kreative Blüten. Für die YouTube-Reihe Disslike lesen Prominente wie Gregor Gysi oder Jan Böhmermann vor der Kamera abfällige Kommentare über sich selbst vor und erhalten die Möglichkeit, direkt darauf einzugehen. Ein unterhaltsamer Weg, den oft beleidigenden Aussagen die Ernsthaftigkeit zu nehmen.

Den gleichen Ansatz verfolgen die Macher der Satireshow "Hate Poetry". Seit 2012 geben Journalisten mit Migrationshintergrund auf der Bühne statt selbst geschriebener Poesie rassistische Leserpost zum Besten, die sie erhalten haben. "Wir sagen immer, wir schicken den Scheiß zurück in die Umlaufbahn. Sonst sind wir damit alleine, und dann tut das weh", erklärt Zeit-Journalist Yassin Musharbash den reinigenden Charakter.

Auch Stefan Kießling hat genug von all den Beschimpfungen. Seine Fanpage bei Facebook hat er vor wenigen Wochen endgültig abgemeldet, die Kontaktseite auf seiner Homepage läuft ins Leere. Interviewanfragen zum Thema lehnt er ab. Während die "virtuellen" Pöbler weiterziehen, lassen ihre verletzenden Kommentare "reale" Menschen mit Narben zurück. Um Hatern und Trollen nicht das Feld zu überlassen, bedarf es - wie im echten Leben - der Zivilcourage und Einmischung der anderen Nutzer - auch im Sinne einer konstruktiven Kommentarkultur.

Stand: 16.11.2014, 07.00 Uhr

Rückblick: ARD-Themenwoche

Toleranz - Anders als Du denkst

Darstellung: