Dieter Nuhr Glücksmomente erzielt man durch körperliche Betätigung untenrum oder beim Sport

Dieter Nuhr. | Bildquelle: Dieter Nuhr

Dieter Nuhr, Kabarettist

"Glücksmomente erzielt man durch körperliche Betätigung - untenrum oder beim Sport"

Dieter Nuhrs erstes "Rumblöken" ist - laut seiner Webseite - seit den 1960er-Jahren belegt. Als jüngstes Mitglied eines Beamtenhaushaltes wurde er ab dem sechsten Lebensjahr zum Schulbesuch gezwungen, wo er die grundlegenden Fähigkeiten seines späteren Berufes erlernte: Schreiben und so tun, als wüsste er Bescheid. Am Themenwochen-Freitag (22.11., 22.15 Uhr im Ersten) ist er mit "Nuhr im Glück" auf Sendung. ARD.de wollte von ihm wissen, ob das Thema "Glückseligkeit" für einen Kabarettisten nicht zu "klebrig" ist.

 

ARD.de: Was bedeutet für Sie "Glück"?

Dieter Nuhr: Das ist vielschichtig. Erst mal Abwesenheit von Leid. Dann gibt es viele verschiedene Interpretationen. Da gibt es die Glücksmomente oder das allgemeine kontinuierliche Glücksgefühl, das mehr in Richtung Zufriedenheit als in Richtung Ekstase geht. Und das Gefühl, Glück gehabt zu haben. Wenn alles auf einmal zutrifft, ist alles perfekt.

 

Bei welcher Gelegenheit waren Sie das letzte Mal glücklich?

Ich bin ständig glücklich. Ich bin ein weißer, mitteleuropäischer Mann im 21. Jahrhundert. Ich habe damit historisch betrachtet die oberste Gewinnklasse gezogen. Eine dunkelhäutige Osteuropäerin im 14. Jahrhundert hatte es da schwerer. Nicht nur weil es damals kein Internet gab, auch Dinge wie Ernährung, ärztliche Versorgung oder Sicherheit im Allgemeinen spielen da eine Rolle. Damals konnte einen ein jähzorniger Mann oder ein vereiterter Zahn schon mal das Leben kosten. Wer hier bei uns sein historisches Glück nicht erkennt, hat Pech gehabt.

 

Wann ist Ihnen ein "großes Glück" begegnet, und wie hat dieses Ereignis Ihr weiteres Leben geprägt?

Ich habe an vielen Stellen Glück gehabt. Ich habe grundsätzlich die elterlichen Ratschläge in den Wind geschlagen. Das war Glück. Dann habe ich Leute getroffen, die mich auf eine Bühne gezerrt haben. Großes Glück. Ich habe im Privatleben Glück gehabt. Ich lebe ja in alternativer Lebensform, also mit der Mutter meiner Tochter zusammen. Und ich bin gesund. Sehr großes Glück.

 

Haben Sie einen Trick, um sich einen Glücksmoment zu verschaffen?

Mein Tipp: Schokolade ist überschätzt. Dankbarkeit und Demut sind gute Grundlagen für ein stetes Zufriedenheitsgefühl. Glückliche Momente erzielt man vielleicht am einfachsten durch körperliche Betätigung, untenrum oder beim Sport.

 

Sie sind in Ihrem im Frühjahr erschienenen Buch dem "Geheimnis des perfekten Tages" auf der Spur. Wie viel Glück ist notwendig, damit ein Tag perfekt wird?

Da sollte man sich nicht allein aufs Glück verlassen. Beim Leben ist es im Grunde wie beim Pokern. Die Karten kann man nicht beeinflussen. Aber wer sein ganzes Geld auf ein Pärchen aus Siebenern setzt, ist meist ein Idiot. Oder ein großer Bluffer.

 

Als Kabarettist müssen Sie die Welt ja schon von Berufswegen oft aus einem ironisch-zynischen Winkel betrachten. Am Themenwochen-Freitag sind Sie mit "Nuhr im Glück" auf Sendung. Wie schwer fällt es Ihnen da, sich mit so einem "klebrigen" Thema wie Glück und Glückseligkeit zu befassen?

Mein ganzes Programm beschäftigt sich mit diesem Thema. Ich bin ja nicht die klassische Kabarettheulsuse. Im Gegenteil. Mir geht das rituelle Klagen im Kabarett furchtbar auf den Geist. Wir haben es geschafft, dass 99% der Bevölkerung glaubt, die Umwelt sei kaputt, alles sei ungerecht und überhaupt sei die ganze Welt schlecht. Dabei ist in den letzten Jahrzehnten die weltweite Armut so schnell zurückgegangen wie noch nie. Es gibt keinen Smogalarm mehr wie in den 70ern. Unsere Flüsse sind nicht mehr faulige Löcher, sondern Heimat für Lachse. Und im Osten gibt es sogar wieder Wölfe und Luchse. Und was sagen die Umweltschützer? "Und was ist mit Löwen? Wir haben keine Löwen mehr!" Die Unfähigkeit, das Positive anzuerkennen, macht bei uns jeden Kampf für eine bessere Welt zur Farce. Warum kämpfen, wenn eh jede positive Weltsicht verboten bleibt und als "klebrig" empfunden wird? Ich finde das Thema Glück alles andere als "klebrig".

 

Als vor zwei Jahren Ihre Fotoausstellung "Nuhr fotografiert" eröffnet wurde, sagten Sie in einem Interview: "Glück ist nicht vom Wohlstand abhängig." Ein Volkswirtschaftler, den wir für die Themenwoche ebenfalls interviewt haben, behauptet hingegen: "Geld macht doch glücklich" - was stimmt denn nun?

Es gibt jedes Jahr die entsprechenden Umfragen, wo die Menschen am glücklichsten sind. Meist vorne: Zentralafrika und Südsee. Wir ganz hinten. Das sagt alles und entspricht auch meiner Erfahrung. Glück ist unabhängig vom Wohlstand. Ich reise ja nicht wenig. Da kann man das weltweit sehen.

Unser Freund der Volkswirtschaftler verwechselt wie jeder anständige Statistiker Ursache und Wirkung. Wenn Glück und Geld in unserer nationalen Gesellschaft korrelieren, ist noch lange nicht geklärt, was wem folgt. Ich glaube in der Tat, dass in unserer Gesellschaft eine positive Ausstrahlung zu Erfolg führt. Man wirkt sicherer und sympathischer und wird dadurch erfolgreicher. Ich glaube also, dass das Geld dem Glück folgt und nicht umgekehrt.

Geld ermöglicht natürlich den Kauf von Waren. Die meisten Menschen mit Geld empfinden ihr Geld und ihre warentechnische Ausstattung aber schnell als selbstverständlich und sind deshalb keinesfalls glücklicher als Leute, die sparsam sein müssen. Die einfache Formel "Geld macht glücklich" ist in ihrer Schlichtheit ziemlich doof. Aber einfache Formeln lassen sich auch besser verkaufen... Bei uns ist es ja sehr beliebt, dass immer andere Schuld sind, wenn es im Leben nicht so gut gelaufen ist. Und so eine abstrakte Sache wie "das Geld" ist natürlich ein unglaublich bequemer Schuldiger für das eigene persönliche Unglücksgefühl. Da muss man nicht an sich selbst arbeiten, sondern kann sagen: Die Umstände sind Schuld. Das ist bei uns extrem populär.

 

 

Das Interview führte Ingo Fischer

Stand: 17.10.2013, 11.31 Uhr

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