Mensch mit Maschine

Vier Roboter sitzen vor Computer-Arbeitsplätzen in einem Büro. | Bildquelle: NDR

Auswertung der Datensätze für den "Job-Futuromat"

Ersetzt durch Kollege "Roboter" (Teil 1)

Björn Schwentker

Nehmen Roboter uns die Jobs weg? Im ARD Job-Futuromat lässt sich abrufen, zu welchem Anteil Maschinen die eigene Tätigkeit erledigen könnten. Manchmal sind es 100 Prozent. Deswegen verliert wohl niemand sofort seinen Job. Aber die Arbeit wird sich ändern.

Geht es um die Digitalisierung der Arbeitswelt, herrscht ein Gefühl vor: Angst. Angst davor, den Job zu verlieren, weil ein Roboter oder ein Computer die Aufgaben viel besser, schneller und billiger erledigen kann. Und das auch noch, ohne jemals krank zu sein oder zu meckern.

 

Verwirrende Vielfalt an Prognosen

Die Medien bedienen gerne diese Angst. "Sie sind entlassen!" titelte im September das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Auf dem Cover reißt eine überlebensgroße Roboterhand einen verzweifelten Angestellten von seinem Schreibtischstuhl. Als Beleg für die Gefahr zitiert das Magazin eine Studie, der zufolge in den nächsten zehn bis 20 Jahren die Berufe von 42 Prozent aller Erwerbstätigen automatisiert würden. Die Jobs von 18 Millionen Menschen stünden auf dem Spiel.

 

Das Bundesarbeitsministerium (BMAS) lieferte indes im Sommer Berechnungen, die das Gegenteil ergaben: Beschleunige sich die Digitalisierung, sei bis 2030 ein Plus von 250.000 Arbeitsplätzen möglich, das reale Bruttoinlandsprodukt könne um vier Prozent steigen. "Die Digitalisierung  bietet große Chancen für den Arbeitsmarkt der Zukunft", bejubelt das BMAS seine selbst in Auftrag gegebene Studie.

 

Transparenz statt Angst: Der ARD Job-Futuromat

Was stimmt denn nun? Wie zuverlässig sind solche Prognosen? Daten zu allen knapp 4.000 in Deutschland ausgeübten Berufen, die der ARD exklusiv vorliegen, zeigen: Die Angst ist oft nicht gerechtfertigt. Zwar könnten viele Berufe schon heute zu großen Teilen von Maschinen erledigt werden. Das muss aber keine schlechte Prognose bedeuten.

 

Die Berufsdaten stammen vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das zur Bundesagentur für Arbeit (BA) gehört, und umfassen alle Jobs, die der BA bekannt sind. Die ARD macht sie im Online-Tool "Job-Futuromat" für jeden Beruf abrufbar und setzt auf Transparenz gegen die Angst vor der Digitalisierung.

 

Wer unter job-futuromat.ard.de seinen Beruf eingibt, bekommt angezeigt, zu welchem Prozentanteil Maschinen heute schon die wesentlichen Tätigkeiten des Jobs erledigen könnten. Im Detail listet das Tool auf, aus welchen Tätigkeiten ein Berufsbild besteht  - von A wie "A-la-carte-Service" bis Z wie "Zucker herstellen" - und ob sie automatisierbar sind (wie etwa Zucker herstellen) oder nicht (wie A-la-carte-Service).

 

Nur 15 Prozent der Beschäftigten haben Berufe mit hoher Automatisierbarkeit

Eine Analyse des IAB-Datensatzes bringt Entwarnung: Nur für gut 15 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten wird die Automatisierbarkeit des Jobs als "hoch" eingeschätzt. Das klingt deutlich weniger dramatisch als die 42 Prozent im "Spiegel" oder die 59 Prozent in einer Studie der Direktbank ING DiBa. Betroffen wären davon auch nicht 18 Millionen Arbeitnehmer (Spiegel), sondern nur 4,7 Millionen. Die Automatisierbarkeit eines Berufs gilt als "hoch", wenn mehr als 70 Prozent der wesentlichen Tätigkeiten bereits heute maschinell durchführbar sind.

 

Betroffene durch Automatisierbarkeit des Jobs*

So viele sozialversicherungspflichtig Beschäftigte haben einen Beruf, der zu ... Prozent* durch Maschinen ersetzt werden könnte.

Histogramm zur Automatisierbarkeit des Jobs. | Bildquelle: ARD | Björn Schwentker

*Anteil der wesentlichen Tätigkeiten des Berufs, die schon heute von Maschinen erledigt werden könnten.

Berechnungen: Björn Schwentker/ ARD

Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung/ Agentur für Arbeit

 

Ebenfalls ablesen lässt sich an den Daten, was am besten gegen eine hohe Automatisierbarkeit des eigenen Jobs hilft: Eine möglichst gute Ausbildung. Während unter den sogenannten "Helfern", die keine oder nur eine kurze berufliche Ausbildung haben, 46 Prozent aller Beschäftigten einen Beruf mit einer hohen Automatisierbarkeit ausüben, sind es unter "Spezialisten" (Meisterausbildung oder Bachelor-Abschluss) nur 33 Prozent. Unter den "Experten" mit mindestens vierjähriger Hochschulausbildung liegt die Quote sogar nur noch bei 18 Prozent.

 

Der Grund: je weniger gut ein Mensch ausgebildet ist, desto häufiger führt er im Job simple Routinetätigkeiten aus. Und gerade die können Maschinen besonders leicht übernehmen. Das heißt allerdings nicht, dass sie das im großen Stil tatsächlich tun.

 

Der Beruf des Kassierers zeigt, wie wenig die technische Automatisierbarkeit bedeuten muss. In diesem Fall liegt sie bei 100 Prozent. Zwar steht außer Frage, dass die Abrechnung an der Kasse schon längst ohne Menschen hinter dem Band möglich wäre. Trotzdem sitzen fast überall noch Kassierer. Es werden sogar immer mehr. Von 2012 bis 2015 stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Kassierer um satte 8,5 Prozent.

 

Damit liegt das Berufsbild über dem Trend: Im Durchschnitt stieg die Beschäftigtenzahl in allen Berufen um 5,5 Prozent. Auch das durchschnittliche Gehalt wuchs im selben Zeitraum: insgesamt um über 5 Prozent (Im Futuromat sind für jede Berufsgruppe auch die Beschäftigtenzahlen und Brutto-Durchschnittsgehälter der letzten drei Jahre abrufbar.).

 

Der Mensch ist oft wirtschaftlicher, flexibler oder besser als eine Maschine

Die Kassierer sind kein Einzelfall. Denn möglicherweise arbeitet der Mensch weiterhin wirtschaftlicher als eine Maschine, oder flexibler. Oder er liefert besserer Qualität. Auch rechtliche oder ethische Hürden können einer Automatisierung entgegenstehen. So fragen die IAB-Arbeitsmarktforscherinnen Katharina Dengler und Britta Matthes in einer Studie zur Digitalisierung der Arbeit: "Was würden wir dazu sagen, wenn wir unsere Kinder morgens nicht in die Hände einer kompetenten Erzieherin, sondern in die Arme eines Erziehungsroboters geben müssten?"

 

Ähnliche Fragen seien für die im Angesicht des demografischen Wandels oft erwähnten Pflegeroboter zu klären. In einigen grundsätzlich automatisierbaren Jobs wird es allein deshalb noch eine ganze Weile lang Menschen geben, weil wir alle sie schlichtweg lieber in Menschenhand sehen wollen.

 

Dennoch: In vielen Jobs, deren Tätigkeiten technisch ersetzbar sind, übernehmen die Maschinen bereits. Zum Beispiel bei Bäckern, für die der Futuromat ebenfalls einen Automatisierungsgrad von 100 Prozent anzeigt. In dieser Berufsgruppe ging die Beschäftigtenzahl seit 2012 um 1,3 Prozent zurück. Unter allen Berufssegmenten besonders betroffen: Arbeitnehmer in Fertigungsberufen wie dem Metallbau.

Stand: Fri Oct 14 11:00:00 CEST 2016 Uhr

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