Eckart von Hirschhausen: "Glück ist biologisch abbaubar"

Eckart von Hirschhausen. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Eckart von Hirschhausen, Arzt, Moderator und Themenwoche-Pate

"Glück ist biologisch abbaubar"

Der Arzt, Moderator und Autor Eckart von Hirschhausen beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit dem Thema "Glück". Deshalb war er einer der Paten der ARD-Themenwoche und hat zum Thmenewochen-Finale die große Unterhaltungsschau "Zum Glück mit Hirschhausen" moderiert. ARD.de hat er verraten, wie er uns vermeintlich miesepetrigen Deutsche ein wenig glücklicher machen will.

 

ARD.de: Was bedeutet für Sie "Glück"?

Eckart von Hirschhausen: Vieles! Sinn ist wichtiger als Schokolade. Gemeinschaft wichtiger als Geld. Und Momente mehr als Minuten. Glück ist die Zeit, in der man die Zeit vergisst. Glückliche Zeiten sind im Erleben kurz, weil man ganz im Moment ist. Dafür in der Erinnerung lang. Bei Langerweile genau umgekehrt: im Erleben lang, und im Nachhinein fragt man sich, was hab ich da eigentlich die ganze Zeit gemacht? Glück hat viele Aspekte: Genießen können, seine Talente nutzen, sich verbunden fühlen. Im Englischen gibt es "luck", "pleasure" und "happiness" - und bei uns nur dieses eine missverständliche Wort. Deshalb unterscheide ich fünf verschiedene "Glücks" mit einer Art Glückskompass. Denn Sinnlichkeit genießen ist etwas grundsätzlich anderes als einen Berg erklimmen oder sich für andere einsetzen - aber alles macht auf unterschiedliche Art glücklich. Und die wichtigste Botschaft: Glück ist keine Frage des Schicksals, sondern in weiten Teilen eine Sache von innerer Einstellung und Übung. Glück fällt nicht vom Himmel - Glück kann man lernen. Glück ist gesund und ansteckend. Und deshalb geht unser Glück uns alle an.


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Bei welcher Gelegenheit waren Sie das letzte Mal glücklich?

In diesem Interview! Ich freue mich, dass sich die ARD-Themenwoche mit diesem zentralen gesellschaftlichen Thema befasst und ich einen Beitrag leisten kann. Glück ist das Erleben von Sinnhaftigkeit und Gebraucht werden. Und wenn jetzt Ideen, mit denen ich mich seit zehn Jahren intensiv beschäftige und die ich für wichtig halte, so große Kreise ziehen, bin ich sehr froh. Wir Deutschen haben einen echten Nachholbedarf in positiver Psychologie. Wir sind eine der wohlhabendsten Nationen der Erde, aber bei der Zufriedenheit auf Platz 26. Glück ist eine Gemeinschaftsaufgabe: Wie kommen wir aus der Finanzkrise ein bisschen weiser heraus, wenn klar ist, dass materielle Dinge allein nicht glücklich machen? Wie kommen wir von einer Neidgesellschaft zu mehr Solidarität, bürgerschaftlichem Engagement und "Gönnen können"? Aus der Glücksforschung ergeben sich klare politische Prioritäten, wofür wir Steuern besser verwenden können: für Gesundheit, für Bildung, für Musik, Kunst und Gemeinschaftserlebnisse. Und für Fahrradwege statt für Pendlerpauschalen.

 

 Wann ist Ihnen ein "großes Glück" begegnet, und wie hat dieses Ereignis Ihr weiteres Leben geprägt?

Das Thema Glück war für mich so ein Glücksfall. Es gibt viele große und kleine Zufälle, Glücksmomente und wichtige Menschen in meinem Leben. Ich könnte sie alle gar nicht aufzählen, bin aber sehr dankbar für viele "Fügungen". Ich habe tatsächlich durch einen Liebeskummer vor langer Zeit begonnen, mich dafür zu interessieren, was die Medizin und Psychologie an praktischen und nützlichen Dingen weiß, wie man glücklicher wird. Ich stieß auf so spannende Forscher und Ideen, recherchierte weiter, schrieb und wurde mit meinen Bühnenprogrammen und den Büchern zu dem Thema erfolgreicher als irgendwer hätte vorhersehen können. Und auch privat hat es gewirkt: Ich bin heute gelassener als vor zehn Jahren, habe bessere Freundschaften und bin glücklich verheiratet!

 

Haben Sie einen Trick, um sich einen Glücksmoment zu verschaffen?

Mehr als einen! In jedem der fünf Glücksbereiche gibt es Tricks. Genießen kann man üben, indem man beim Essen innehält, seine Sinne schärft und achtsamer wird. Das Glück "in seinem Element zu sein" bedeutet, seine Stärken zu erkennen und sie dann auf neuen Feldern einzusetzen. Das Glück der Gemeinschaft stärkt man durch bewusstes Zeit nehmen und feiern von Freundschaft und Familie. Dabei hilft die Übung der "roten Kringel" um die tatsächlich wichtigen Menschen im Adressbuch. Zum Glück gibt es nicht den einen Trick, aber es gibt viele ganz praktische Dinge, die gut zu wissen sind, und noch besser zu trainieren. Auf der Internetplattform "glueck-kommt-selten-allein.de" sind die besten wissenschaftlich belegten Übungen zu einem unterhaltsamen Sieben-Wochen-Kurs zusammengestellt, kostenfrei aber nicht umsonst.

 

Warum fällt es uns so schwer, das Glück des Augenblicks zu erkennen?

Wir schreiben To-Do-Listen statt To-Be-Listen, wir haben alles, aber sind unzufrieden. Der Knacks in uns ist evolutionär gewünscht, damit wir dazulernen können. Glück ist biologisch abbaubar, um Platz zu schaffen für neues Glück. Die Unzufriedenheit treibt uns an, die Suche nach dem Glück ist viel stärker ausgeprägt als die Fähigkeit, Glück zu genießen. Ebenso werden Schmerzen und Ängste im Gehirn immer direkt wichtig genommen, negative Gefühle bekommen immer Vorfahrt in der Aufmerksamkeit. Positive Gefühle zu kultivieren braucht gezielte Anstrengung, aber die lohnt sich. Es ist einfach, glücklich zu sein. Schwer ist nur, einfach zu sein.

 

Worauf freuen Sie sich ganz besonders in der ARD-Themenwoche "Zum Glück?"

Ich finde es großartig, dass es eine Live-Sendung am Freitagabend geben wird, in der wir alles, was in der Themenwoche passiert und bewegt wird, im Rahmen einer großen Unterhaltungsshow zusammenfassen können. Die ARD hat in ihrer Gesamtheit die Möglichkeit von Sonntag bis Freitag mit Radio, Fernsehen und Internet unglaublich viele Menschen zu erreichen. Es kann einen großen Bogen geben, von den Talkshows über die Morgenmagazine bis hin zu den vielen Aufrufen zum Mitmachen. Denn jeder Zuhörer und Zuschauer hat zu dem Thema ja auch etwas zu sagen und beizutragen. Wir sammeln jetzt bereits pfiffige Glücksrezepte mit einer mobilen "Glücksbox" ein. Zudem kann sich jeder mit einer E-Mail beteiligen an glücksrezepte@daserste.de. Die schönsten, kuriosesten und wirksamsten Glücksrezepte gibt es dann in der Sendung. Es muss ja nicht gleich ein großer Ruck durch Deutschland gehen. Aber ein kleines Lächeln wäre doch schön.

 

 

Das Interview führte Ingo Fischer

Stand: Tue Oct 08 15:20:00 CEST 2013 Uhr

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