Expedition ins Second Life

Es war einmal: Second Life

"Das ist das Leben"

Michael Herr

Wo ist es nur hin, das Leben in "Second Life"? Unser Autor Michael Herr wagt eine Expedition in eine ihm bisher unbekannte Welt, deren Glanzzeit längst vorüber ist.

Ich schlage die Augen auf. Mein Blick fällt auf eine Insel im Meer. Im Minutentakt tauchen neue Menschen um mich herum auf. Ich muss in einer Art Geburtsstation gelandet sein. Wir machen erste, unbeholfene Gehversuche.

Es ist der Beginn meiner Expedition ins "Second Life". Eine Reise in eine digitale Welt, die einmal als neue virtuelle Heimat für alle Menschen galt, die jedoch heute weitgehend vergessen scheint. In dem Computerprogramm erkundet man mit einer Spielfigur eine dreidimensionale Welt und tritt mit anderen Nutzern in Kontakt. Was das im Erscheinungsjahr 2003 so besonders machte: Jeder kann diese Welt mitgestalten. Der Nutzer kann seine Spielfigur mit Kleidung und Gebrauchsgegenständen ausstatten, sogar Inseln erschaffen oder Städte bauen.

Der Traum vom virtuellen Zeitalter

Damit war das "Second Life" die Verheißung auf einen Neuanfang; die Möglichkeit, eine zweite, bessere Welt zu schaffen. Und viele wollten dabei sein: 2007 waren bereits sieben Millionen Nutzer aus allen Teilen der Welt registriert. Ihnen nach folgten Akteure, die aus dem Hype Profit schlagen wollten: Großkonzerne eröffneten Dependancen in der digitalen Welt, Städte ließen zu PR-Zwecken im "Second Life" Sehenswürdigkeiten nachbauen. Die Medien überboten sich mit Interpretationsversuchen des Phänomens. "Second Life" sollte ein virtuelles Zeitalter einläuten, in dem die Menschheit sich immer und selbstverständlich in einer zweiten, digitalen Wirklichkeitsebene aufhalten würde. 

Doch auf den Rausch folgte der Kater. Die Nutzer bemängelten zunehmend die veraltete Grafik. Viele kritisierten, dass es anders als bei Onlinerollenspielen keine vorgegebenen Handlungsstränge gab. Anderen wurde es in der digitalen Welt schlicht langweilig. Die Zahl der aktiven Nutzer ging deutlich zurück. Die Städte ließen ihre virtuellen Abbilder wieder einreißen, weil sie die Pachtgebühren sparen wollten, die man im "Second Life" für digitale Parzellen zahlt. Ist Second Life heute nur noch ein virtueller Friedhof? Das möchte ich herausfinden.

Anlaufschwierigkeiten in "zweiten Leben"

Ich sehe mich genauer in der "Geburtsstation" um. Bei meinem Avatar, meiner Spielfigur, habe ich mich für eine Frau entschieden – im zweiten Leben müssen Experimente erlaubt sein. Am Rand der Szenerie steht eine Frau und beobachtet die Neuankömmlinge. Ein Balken über ihrem Kopf weist sie als Helferin aus. Ich spreche sie an – das heißt, ich schreibe ihr in einem Chatprogramm. Ich will wissen, wie es ihr geht. "Gut", sagt sie, und übergibt mir eine Tasche mit Kleidern und Schuhen. "Die sind gratis."

Das An-und Ausziehen geschieht über eine Ordnerstruktur, die mich überfordert. Ich schaffe es nicht, zwei Schuhe eines Paares anzuziehen. Mit zwei verschiedenen Stiefeln an den Füßen starte ich einen zweiten Kontaktversuch. Die Helferin ist sehr aufgeschlossen. Sie sagt, sie stamme aus Norwegen. "Was machst du hier in dieser Welt?", will ich von ihr wissen. "Alles! Das ist das Leben!“, antwortet sie und fordert mich auf mitzukommen.

Stand: 08.04.2016, 04.09 Uhr

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