Freifunk - WLAN als Zugang zur Heimat

Freifunker Michael Ziegler vor dem SWR Gebäude in Mainz. | Bildquelle: ARD.de

Freifunker Michael Ziegler im Interview

"Das Wichtigste ist, dass die Menschen Internetzugang bekommen"

Interview von Daniel Isengard

Freies WLAN für alle, so könnte man die Mission der Freifunker beschreiben. Nicht nur in ländlichen Gegenden ist der Bedarf nach einem ausfallsicheren Netz hoch, sondern auch in Flüchtlingsunterkünften - als Verbindung in die Heimat.

Daniel Isengard: Was bedeutet der Begriff "Freifunk"?

Michael Ziegler: Freifunk ist ein freies Funknetz. Funk heißt hier nicht Funksprechgeräte, sondern WLAN-Netze. Die Idee dahinter ist, nicht auf die zentralen Infrastrukturen großer Konzerne angewiesen zu sein, sondern ein Bürgernetz aufzubauen. Man kauft sich einen günstigen Router, lädt kostenfrei ein Freifunk-Betriebssystem für den Router herunter und ist dabei.

Wenn das möglichst viele Menschen machen, können sich diese Router zu einem ausfallsicheren Netz verbinden. Das heißt: Wenn bei jemandem der normale Internetanschluss ausfällt und er ist mit anderen Freifunkroutern verbunden, hat er trotzdem noch eine Internetverbindung. Wir gehen als Freifunk-Community daher bewusst in die Gegenden, in denen die Internet-Versorgung schlecht ist, vor allem in ländliche Regionen.

Es ist also ein großes WLAN, das von einzelnen Personen erweitert werden kann?

Im Prinzip ja. Wir nennen es ein "Mesh-Netz", also ein vermaschtes Netz. Das heißt: die Geräte können miteinander kommunizieren, wenn sie nah genug aneinander sind.  Wir etablieren aber auch Richtfunkstrecken, so können wir verschiedene Teilbereiche vom Freifunknetz miteinander verbinden. Wir haben z.B. auf der Uni-Klinik in Mainz in alle Himmelsrichtungen Richtfunk-Antennen.

Wie organisiert sich die Freifunker-Community?

Wir gliedern uns in verschiedene Gemeinschaften, die nebeneinander gewachsen sind. Die haben natürlich Kontakt untereinander. Es gibt deutschlandweit eine Entwickler-Community, die die Grundfunktionen gemeinsam entwickelt. Die letzten Anpassungen macht jede Community für sich.

Was ist das Ziel der Freifunker?

Die große Vision ist, ein weitgehend flächendeckendes Netz aufzubauen, in das sich jeder einfach einklinken kann. In Deutschland ist die rechtliche Lage relativ schwierig. Wir bei Freifunk umgehen das im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten.

Inwiefern?

In Deutschland gilt das Prinzip der Störerhaftung. Ich bin für meinen Anschluss und das, was damit passiert, haftbar. Wenn z.B. irgendwer Musik illegal herunterlädt, kann man das nur bis zu demjenigen zurückverfolgen, dem der Anschluss gehört. Deshalb gibt es hier praktisch kein freies WLAN.

Wir umgehen das Problem, indem wir den Internetverkehr über ein verschlüsseltes Netzwerk weiterleiten. Im Fall der Freifunker Mainz geht unser Internetverkehr in die Niederlande. Dort gibt es keine entsprechende Regelung.

Kann das Freifunk-Prinzip nicht leicht missbraucht werden?

Wir haben keinen Einblick in das, was die Leute in unserem Netz tun. Natürlich finden wir es nicht gut, wenn jemand Freifunk nutzt, um illegale Dinge zu tun. Faktisch wissen wir es nicht, können es auch nicht kontrollieren. Wir halten es aber für unwahrscheinlich.

Im Grunde genommen ist das der Preis für Freiheit, den man zahlen muss. Es könnte irgendjemand irgendwie ausnutzen, wie man aber eben auch alle anderen Freiheiten im Leben irgendwie ausnutzen kann. Unser Eindruck ist, dass die anderen 99,99 Prozent der Menschen das als Bereicherung und Mehrwert erleben. Wir wollen keine Barriere haben, dass man sich erst noch irgendwo registrieren müsste - ob das jetzt Touristen oder Flüchtlinge sind.

Ist es für Sie derzeit eine wichtige Aufgabe, Flüchtlingsstationen mit WLAN zu versorgen?

Das ist eine Herausforderung, die im letzten Jahr entstanden ist. Die Organisationen, die Flüchtlingsunterkünfte betreiben, wollen WLAN zur Verfügung stellen. Deshalb sind auch sehr gute Kooperationen entstanden - in Mainz zum Beispiel mit den Maltesern. Die stellen auch ihren Internetanschluss zur Verfügung, aber eben nicht direkt. Sie wollen den Schutzeffekt, den Freifunk bietet - sonst gäbe es wieder das Problem mit der Störerhaftung. Mit der Grund-Freifunkidee hat das erst mal wenig zu tun. Aber es ist ein praktisches Problem, bei dem wir helfen können und das auch gerne tun.

Stand: Sun Oct 11 13:46:02 CEST 2015 Uhr

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