Gotthilf Fischer: "Singen macht glücklich und dient der Gesundheit"

Gotthilf Fischer. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Gotthilf Fischer, Dirigent

"Singen macht glücklich und dient der Gesundheit"

Wo Gotthilf Fischer auftaucht, fangen selbst diejenigen an zu singen, die sich zuvor fest vorgenommen hatten, dies auf keinen Fall zu tun. Seit Jahrzehnten bringen seine Fischer-Chöre ganze Fußballstadien zum Singen. Im Interview erklärt der Dirigent der Massen, wie er unsere Liebe zum Gesang - und damit verbunden die Fähigkeit, kollektives Glück zu erleben - neu entfachen will.

 

ARD.de: Was bedeutet für Sie "Glück"?

Gotthilf Fischer: Durch Singen die Menschen glücklich machen. Sie sehen um Jahre jünger aus, sobald ein Lied gesungen wird.

 

Bei welcher Gelegenheit waren Sie das letzte Mal glücklich?

Als ich gestern Abend - wie übrigens jeden Abend - als Dirigent bei einem Chor war. Da erlebe ich jedes Mal Glücksmomente durch die Lieder, die wir gemeinsam singen.

 

Wann ist Ihnen ein "großes Glück" begegnet, und wie hat sich dadurch Ihr Leben verändert?

Meine Vorfahren waren allesamt Handwerker. Auch mein Vater war Zimmermeister, und ich sollte in seine Fußstapfen treten. Nun hatte ich das große Glück, dass mein Lehrer ein anderes Potenzial in mir erkannt hat und mich - ohne Wissen meiner Eltern - zur Prüfung auf die Lehrerhochschule schickte, die ich bestanden habe. Als Wochen später meine Eltern die Nachricht von der Aufnahme ins "Lehrerseminar", wie es damals hieß, bekommen haben, meinte meine Mutter: "Einen Faulenzer bekommen wir durch." Somit war der Weg frei in den heiß ersehnten Lehrerberuf.

 

Haben Sie einen Trick, um sich einen Glücksmoment zu verschaffen?

Gott hat uns die Stimme geschenkt, zum Sprechen und zum Singen. Erkenne es und singe! So halte ich es.

 

Gotthilf Fischer dirigiert mit Chor. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Audio Audio

Audio: "Sing mit"

Warum macht Singen die Menschen glücklich?

Die Sängerinnen und Sänger meiner Chöre freuen sich eine Woche lang auf die nächste Chorprobe. Sie berichten mir immer wieder, dass sie in Vorfreude und der Freude an der Chorstunde leben. Viele meiner Chormitglieder besuchen sogar zwei oder mehrere Chorproben in der Woche.

 

Können Sie da ein Beispiel nennen, woran Sie das Glück Ihrer Sänger erkennen?

Ich hatte vor Jahren einen älteren Sänger, der immer gut gekleidet eine Stunde früher zur Probe kam und mit Feuereifer jedes neue Lied einstudierte. Irgendwann fragte ich ihn, warum er eine solche Freude am Singen habe. Er antwortete: "Ich habe vier Söhne im Krieg verloren, und wenn ich Ihre Chorstunden nicht besuchen dürfte, hätte das Leben überhaupt keinen Sinn mehr für mich. Ich bin einfach glücklich und dankbar, dass sich mir die Möglichkeit einer Chorprobe bei Ihnen bietet. Ich genieße sie und freue mich schon wieder auf nächste Woche."

 

Sie bringen ganze Fußballstadien zum Singen. Dennoch ist festzustellen, dass viele Chöre und Gesangsvereine seit Jahren unter Mitgliederschwund und Überalterung leiden, da sich insbesondere die jungen Menschen offenbar nicht mehr so stark wie früher für das Singen begeistern können. Was muss getan werden, um den Trend umzukehren, so dass wieder mehr junge Leute Spaß am Gesang finden?

Bereits in der Schule müsste mehr gesungen werden, um die Kinder an das Thema "Singen" heranzuführen. Außerdem sind hier die Medien und die Politik gefragt, eventuell sogar die Krankenkassen: Chorarbeit oder überhaupt Singen müsste gefördert werden. In Funk und Fernsehen findet dieses Thema leider so gut wie nicht statt. Singen macht glücklich und dient der Gesundheit.

 

Und was tun Sie persönlich dafür?

Mit Freunden habe ich den Verein BEDL gegründet, den Bund zum Erhalt des deutschen Liedguts. Wir wollen uns mehr fürs Singen einsetzen und Chöre und singbegeisterte Menschen unterstützen. Momentan warten wir noch auf die Gründungsurkunde. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir auch hier von den Medien, der Politik, Sponsoren und vielen Mitstreitern unterstützt werden würden, um den Trend umzukehren.

 

Was bedeutet es für unsere Gesellschaft und die Fähigkeit, kollektives Glück zu erleben, wenn die Liebe zum Gesang weiter abnimmt?

Fest steht, dass die Leute früher mit Sicherheit glücklicher waren als heute. Durch viele gemeinsame Unternehmungen, bei denen auch gesungen wurde, haben die Menschen mehr zusammengehalten und wirkten einfach glücklicher. Sollte sich der Trend nicht umkehren, droht die Gefahr der Vereinsamung. Singen kann man bis ins hohe Alter und dadurch auch Freundschaften schließen.

 

Das Interview führte Ingo Fischer

Stand: Thu Nov 07 14:51:00 CET 2013 Uhr

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