Günter Scheich: "Positives Denken macht unglücklich"

Autor, Psychologe und Psychotherapeut Dr. Günter Scheich. | Bildquelle: privat

Günter Scheich, Psychologe, Psychotherapeut und Sachbuch-Autor

"Positives Denken macht unglücklich"

"Um Glück zu finden muss man positiv denken" - wenn Psychotherapeut Günter Scheich so etwas hört, dreht sich ihm der Magen um. Er wendet sich vehement gegen den aus seiner Sicht gefährlichen Irrglauben, dass positives Denken der Schlüssel zur Glückseligkeit sei.

 

ARD.de: Was bedeutet für Sie "Glück"?

Günter Scheich: Glück ist, wenn mir etwas gut gelingt. Dazu zählt auch der Prozess des Gelingens selbst. Und teilweise noch zusätzlich, wenn ich dafür auch noch soziale Anerkennung bekomme.


"Irrwege können hilfreich sein"

Am Themenwoche-Samstag hat Günter Scheich mit Nutzern über den Zusammenhang von (Un-)Glück und positivem Denken gechattet. Hier können Sie den Chat nachlesen. | mehr

Bei welcher Gelegenheit waren Sie heute glücklich?

Als ich heute einem Menschen, der in seelischer Not, der verzweifelt war, helfen und ihm diese Not und Verzweiflung nehmen oder zumindest deutlich reduzieren und ihm eine neue Lebensperspektive geben konnte. Auch heute Abend war ich glücklich, nachdem  ich anderthalb Stunden mit Freunden joggen war.

 

Wann ist Ihnen ein "großes Glück" begegnet, und wie hat dieses Ereignis Ihr weiteres Leben geprägt?

Da gibt es viele Ereignisse und Erlebnisse, die mein Leben geprägt haben. Eines ist mir beim Bergsteigen vor vielen Jahren geschehen. Ich war mit einem Freund bei einem Gipfelabstieg. Da merkte ich, dass mir etwas aus der Tasche gefallen war. Das war ein mir sehr wichtiger Wertgegenstand, den ich unbedingt wieder haben wollte. Ich vereinbarte mit meinem Freund, dass er seinen Abstieg langsam fortsetzt, während ich alleine noch einmal auf den Gipfel steigen wollte, wo ich den verlorenen Gegenstand vermutete. Anschließend wollte ich meinen Freund wieder auf dem Rückweg einholen.

Tatsächlich fand ich dann auf dem Gipfel, was ich gesucht hatte - doch dann wurde es schneller dunkel, als ich es erwartet hatte. So verlor ich beim erneuten Abstieg die Orientierung und stieg immer wieder in falsche, gefährliche Wände. Ich hörte meinen Freund, der mir immer wieder zurief, um mir den richtigen Weg zu weisen. Er war da über viele Stunden sehr geduldig. Ich konnte ihn schon lange nicht mehr sehen - und irgendwann auch nicht mehr hören.

Ich habe es schließlich doch noch irgendwie geschafft, vom Berg herunter zu kommen. Er und vor allem auch ich waren überglücklich, als wir uns dann in dem Bergdorf auf dem Marktplatz wieder trafen, wo mein Freund immer noch auf mich wartete. Das werde ich nicht vergessen: Einmal die geduldige Verlässlichkeit des Freundes und dann auch meine erlebten eigenen Kräfte, aus der schwierigen und gefährlichen Situation wieder unbeschadet herausgekommen zu sein. 

 

Haben Sie einen Trick, um sich einen Glücksmoment zu verschaffen?

Ja: Immer wieder eine interessante Aufgabe, ein interessantes Hobby zu haben - und körperliche Bewegung.

 

"Denke positiv - und Du wirst glücklich", lautet der Tenor in vielen Glücksratgebern. In Ihren Sachbüchern mit den sprechenden Titeln "Positives Denken macht krank" und "Ärgern ist gesund" vertreten Sie eine entgegengesetzte Auffassung. Wie kommen Sie zu Ihren Thesen?

Günter Scheich: "Positives Denken macht krank. Vom Schwindel mit gefährlichen Erfolgsversprechen". | Bildquelle: Eichborn Verlag

Abgesehen davon, dass ein Mensch nicht nur immer positiv denken kann, sind negative Gedanken und Gefühle für die Psychohygiene und die Orientierung in der Welt mindestens genauso wichtig wie positive. Negative Gedanken und Gefühle tragen dazu bei, schlechte Erlebnisse, Traumata und die unweigerlichen Schattenseiten, unliebsame Herausforderungen des Lebens zu bewältigen. Seit Jahrhunderten werden sie zur psychischen Weiterentwicklung in der Psychotherapie genutzt.

Wer dagegen ausschließlich positiv denkt, geht Risiken im Leben ein, deren Eintreten ihn für Jahre oder gar für immer unglücklich machen können. Das zwanghaft aufgesetzte "positive Denken" ist eine Verdrängungs- und Schmalspur-Psychologie, ein reines Schwarz-Weiß-Denken. Dazwischen spielt sich jedoch das Leben ab. Insofern macht ein aufgesetztes "positives Denken" auf Dauer die Seele krank, spaltet den Menschen in eine gute und eine schlechte Seele, so dass der Mensch in gewisser Weise Angst vor den eigenen Gedanken, der eigenen Seele bekommt und regelrecht schizophren werden kann. Ruhen in sich selbst, Vertrauen in sich selbst, sieht anders aus. Denken kann zudem keine Fähigkeiten, Erfahrungen und seelische Auseinandersetzungen ersetzen. Es ist nur eine Nussschale auf dem Meer der Seele.

 

 

Das Interview führte Ingo Fischer

Stand: Tue Oct 01 21:00:00 CEST 2013 Uhr

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