Harald Friedl: "Glück ohne Verbundenheit gibt es nicht"

Dokumentarfilmer Harald Friedl. | Bildquelle: privat

Harald Friedl, Regisseur

"Auch wir hätten ein Glücksministerium nötig"

Mit seiner Kino-Dokumentation "What Happiness Is" hat der österreichische Regisseur Harald Friedl in diesem Sommer international für Aufsehen gesorgt. Darin stellt er das Bestreben des asiatischen Königreichs Bhutan vor, seine Bewohner mit einem Glücksministerium sowie der Ermittlung des "Bruttonationalglücks" glücklich zu machen. Mit ARD.de hat er darüber gesprochen, weshalb ein solches Ministerium auch bei uns sinnvoll wäre.

 

ARD.de: Was bedeutet für Sie "Glück"?

Harald Friedl: Wenn etwas gelingt, das die Lebensumstände verbessert, seien es die eigenen oder die Anderer. In Momenten von Nähe und Liebe kann ich auch sehr glücklich sein und im tiefen Empfinden von Kunst, Musik, Literatur oder Filmen.

Die vielleicht wichtigste Voraussetzung für Glück ist, sich mit Anderen und der Welt verbunden zu fühlen. Glück ohne Verbundenheit gibt es nicht. Wenn man noch dazu mit einem hohen Maß an Empathie ausgestattet ist, kann im Leben eigentlich nicht mehr viel schief gehen.

Bei welcher Gelegenheit waren Sie das letzte Mal glücklich?

Ein kleines Glück habe ich empfunden, als ich letzte Woche das Exposé für einen neuen Film fertig hatte. Ich hab's gelesen und sah den Film schon richtig vor mir. Hoffentlich gibt es ihn eines Tages. Er soll "A Perfect Circle" heißen.

Ein anderes Glück ist mir vor ein paar Monaten ganz unerwartet zugeflogen. Meine Lebensgefährtin und ich waren in San Diego unterwegs. Da sehe ich einen blinden Mann orientierungslos herumstehen. Ich biete ihm meine Hilfe an und führe ihn die Straße runter. Im Gehen erzählt er mir eine ganz unglaubliche Geschichte: Ein junger Mann hatte ihn mit einem Revolver unbeabsichtigt blind geschossen. Und nun erzählte mir dieser blinde Afro-Amerikaner, dass es ihn anderthalb Jahre seines Lebens und viel Geld gekostet hat, den Schützen wieder aus dem Gefängnis frei zu bekommen. Details verrate ich hier nicht, weil ich die Geschichte demnächst publizieren will. Aber nachdem wir uns verabschiedet hatten, war ich total aufgeregt und glücklich, als mir klar wurde, dass gerade etwas ganz Außergewöhnliches geschehen war: Ein Mann erzählt einem Fremden die große Geschichte seines Lebens. Und da war mir klar, das ist eine Weihnachtsgeschichte, weil sie vom Verzeihen handelt und von Hilfe für jemanden, der einem eigentlich das Leben zerstört hat.

 

Wann ist Ihnen ein "großes Glück" begegnet, und wie hat sich dadurch Ihr Leben verändert?

Im Sommer war ich zum Kinostart von "What Happiness Is" in Deutschland unterwegs. Im Freiburg im Breisgau ging ich in den Gastgarten eines Lokals mit ungefähr 30 Tischen. Nur zwei Tische, die nebeneinander lagen, waren frei. Eine Minute später hat sich eine Frau an den Nachbartisch gesetzt. In der folgenden halben Stunde sind noch drei Leute dazu gestoßen. Kurz darauf war ich Teil der Runde, und wir haben uns unterhalten, als würden wir uns ewig kennen. Es war das Glück anregender Kommunikation. So bald es geht, will ich Roberta und Ronald, Sharlene und Frank in Freiburg besuchen. Wir schreiben uns regelmäßig. Ronald und ich planen sogar ein gemeinsames Projekt.

 

Haben Sie einen Trick, um sich einen Glücksmoment zu verschaffen?

Ja, Musik hören! Arvo Pärt, Amon Düül II, Beatles, Jordi Savall, Alan Stivell, Willi Resetarits & Stubnblues, Can, Neil Young, Joni Mitchell, Thierry Zaboitzeff, Brahms, Beethoven, Steely Dan, John Coltrane, Christian Scott, Pink Floyd, Heritage Blues Orchestra, Felix Mendelssohn Bartholdy, Black Sabbath … So viele Möglichkeiten!

 

Filmplakat "What Happiness is" (Österreich, 2012). | Bildquelle: Kinostar Filmverleih

In Ihrem Dokumentarfilm "What Happiness Is" zeigen Sie, wie das asiatische Königreich Bhutan versucht, seine Bevölkerung glücklicher zu machen. Wäre ein Glücksministerium, wie es dort existiert, auch bei uns sinnvoll?

An der Uni Mannheim existiert bereits ein "Ministerium für Glück und Wohlbefinden", ein sehr engagiert gemachtes Studentinnen- und Studenten-Projekt.

Im Staat hätten wir ein solches Glücksministerium auch nötig, weil es dazu zwingen würde, auf höchster politischer Ebene Wertediskussionen zu führen. Wohin wollen wir eigentlich mit unserem Land, mit unserer Kultur, mit unserer Gesellschaft, mit Europa? Wer denkt überhaupt noch in gesellschaftspolitischen Kategorien? Ich stelle mir vor, dass dieses parteiunabhängige Ministerium direkt gewählt wird. Es kann jede politische Maßnahme im Zeichen ihrer Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Menschen beurteilen, befürworten oder ablehnen. Lehnt das Glücksministerium etwas ab, muss sich der Bundespräsident oder die Bundespräsidentin damit befassen und kann es einem Volksentscheid zuführen.

Apropos wählen: Ich will keine nationalen Abgeordneten ins EU-Parlament wählen, sondern europäische. Ich will als Österreicher für eine Deutsche, einen Portugiesen, eine Polin oder einen Italiener stimmen können. Das wäre europäisch wählen, das würde mich glücklich machen. 

 

 

Das Interview führte Ingo Fischer

Stand: Sun Sep 15 18:03:00 CEST 2013 Uhr

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