Harry Luck: "Spießer sind die glücklicheren Menschen"

Harry Luck inmitten von Gartenzwergen. | Bildquelle: privat

Harry Luck, Glücksbuch-Autor

"Spießer sind die glücklicheren Menschen"

Statt Latte Macchiato, Designer-T-Shirts und Individualreisen lieber Filterkaffee, Kurzarm-Hemden und Pauschalurlaub - noch spießiger geht's kaum noch. Aber warum eigentlich nicht? ARD.de hat mit dem Autor des Buches "Wie spießig ist das denn", Harry Luck, darüber gesprochen, warum "kluge und sympathische Spießer" seiner Meinung nach die glücklicheren Menschen sind.

 

ARD.de: Was bedeutet für Sie "Glück"?

Harry Luck: Das Wort "Glück" wird in unserer Sprache sehr vielfältig gebraucht. Es gibt das "kleine" Glück, etwa zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein - sich im Supermarkt an die richtige Schlange anzustellen, in der Innenstadt in letzter Sekunde einen Parkplatz zu finden oder sich daran zu erfreuen, ein Glas guten Wein zu genießen. In diesem Sinne gebrauche ich das Wort Glück auch in meinem Buch: Es macht glücklich, mir etwas Gutes zu tun, auch wenn andere darüber die Nase rümpfen, weil sie es uncool oder spießig finden. Wenn ich mich selbstbewusst den Trends der Hipster entgegensetze und das tue, was gut für mich ist und niemandem schadet, dann befreit mich das. Wer nach der goldenen Regel lebt "Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andern zu", ist schon auf einem sehr guten Weg zum Glück. Ein sinnerfülltes Leben, das ist dann das "große" Glück.

Bei welcher Gelegenheit waren Sie das letzte Mal glücklich?

Als meine zweijährige Tochter aufgewacht ist und "Papa" gesagt hat.

 

Harry Luck genießt seinen Filterkaffee im gestreiften Kurzarmhemd. | Bildquelle: Hendrik Steffens

Wann ist Ihnen ein "großes Glück" begegnet, und wie hat dieses Ereignis Ihr weiteres Leben geprägt?

Vor einigen Jahren habe ich nach einer Augen-Operation eine schwere Infektion bekommen, bei der ich zwei Wochen lang um mein Augenlicht fürchten musste. Dass ich heute besser sehen kann als vorher, haben die Ärzte als ein Wunder bezeichnet. Ich wäre mit einem blauen Auge davongekommen, sagten sie, ich hätte großes Glück gehabt. Gott sei Dank! Es hat mein Leben dahingehend verändert, dass ich versuche, nichts mehr für selbstverständlich zu nehmen. Auch nicht so etwas Selbstverständliches wie das Augenlicht.

 

Haben Sie einen Trick, um sich einen Glücksmoment zu verschaffen?

"Viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das große Glück warten", sagt Pearl S. Buck. Der Alltag ist voller Glücksmomente, die im Stress leider oft untergehen, wenn man sie sich nicht richtig bewusst macht. Man muss sich ein wenig Zeit nehmen und bewusst genießen. Auch die Planung eines Glücksmomentes schafft Vorfreude - und man braucht nicht viel dazu. Auch wenn es spießig klingt: Schon ein Spaziergang in der Natur kann einen Glücksmoment erzeugen, wenn man sich auf ein Detail einlässt und sich an einemVogel oder einem Kinderlachen erfreut. Ich selbst unterbreche den Arbeitsalltag immer gegen 11 Uhr sehr gerne mit einer Tasse frisch gebrühtem Kaffee und genieße den Duft und den ersten Schluck besonders. Darauf freue ich mich dann schon eine Stunde vorher. Eine meiner Romanfiguren, Hauptkommissar Jürgen Sonne, isst jeden Tag im Büro zur gleichen Zeit einen grünen Apfel. Das funktioniert aber auch abends zu Hause prima, zum Beispiel mit einem Gläschen Eierlikör oder einem heißen Bad. Man kann es üben und lernen, die eigene Art des Glücks und des Genießens zu finden!

 

Cover Harry Luck: "Wie spießig ist das denn?". | Bildquelle: blanvalet-Verlag

Sie behaupten in Ihrem neuen Buch, dass man sein Glück ausgerechnet in der Spießigkeit finden kann - wie soll das denn funktionieren?

Unter "spießig" verstehe ich nicht kleinkariert, borniert und engstirnig, sondern eher ein gepflegtes Uncoolsein. Wer in diesem Sinne spießig ist, widersetzt sich den Marschbefehlen der Trendsetter und tut nicht Dinge nur deshalb, weil sie gerade angesagt sind. Der kluge, sympathische Spießer verhält sich so, wie es gut für ihn ist, ohne dass er anderen damit schadet: Er trinkt alkoholfreies Bier und schaut ARD und ZDF, er bestellt Filterkaffee statt Latte Macchiato und trägt im Sommer luftige Kurzarmhemden, obwohl die Modepäpste das streng verbieten. Wenn man erkennt, dass man sich nicht immer daran orientieren muss "was die Leute sagen", wirkt das unheimlich befreiend und macht insofern auch glücklich.

 

 

Das Interview führte Ingo Fischer

Stand: 18.10.2013, 15.34 Uhr

Darstellung: