Außergewöhnliche Dokumentation über den NSU-Prozess

Persönliche Empfehlung zur ARD Themenwoche Gerechtigkeit

Heer, Stahl und Sturm - Die Zschäpe-Anwälte

ARD.de-Redakteur Thomas Dressel

Thomas. | Bildquelle: ARD.de

Mehr als fünf Jahre lang hat Filmemacherin Eva Müller die Juristen Anja Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl exklusiv mit der Kamera begleitet. Die Anwälte verteidigten die Rechtsterroristin Beate Zschäpe im Rahmen des Münchner NSU-Prozesses - die bislang wohl größte Aufgabe ihrer Karriere. Eine persönliche Empfehlung von ARD.de-Redakteur Thomas Dressel zur ARD Themenwoche Gerechtigkeit.

"Ein solches Verfahren gibt es nie wieder in einem Berufsleben"

Wie verteidigt man eine mutmaßliche Rechtsterroristin, deren Gruppierung zehn Menschen ermordet haben soll? Für die meisten Menschen wäre dies in erster Linie nicht nur ein juristisches Problem, sondern zuallererst ein moralisches.

Die Anwälte Anja Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl haben diese Aufgabe, dieses "Killermandat" dennoch übernommen. Sie argumentieren mit rechtsstaatlichen Prinzipien. Aber auch mit beruflichem Prestige und persönlichem Ehrgeiz. "Eine solche Herausforderung macht sicherlich auch den Reiz aus", sagt Wolfgang Stahl zu Beginn des Films durchaus sendungs- und selbstbewusst.

Anders als in vielen anderen Prozessen gegen Rechtsextreme haben die Zschäpe-Verteidiger nichts mit der Szene zu tun. Sie verfolgen den Anspruch, ihre Mandantin juristisch bestmöglich zu vertreten. Statten Beate Zschäpe mit einem eleganten Hosenanzug aus. Und raten der Angeklagten, bis auf Weiteres zu schweigen. Im Angesicht verzweifelter Angehöriger, die von Zschäpe im Gerichtssaal Hintergründe zu den NSU-Morden erfahren möchten, sammeln die Anwälte so keine Sympathiepunkte. Für die Juristen unerwartet stehen sie und ihr Handeln permanent unter Beobachtung. Boulevardmedien thematisieren ihr Auftreten, Kleidungsstil und Hotelwahl. Sie erhalten Drohbriefe und werden von Kollegen gemieden. Das hinterlässt Spuren. Zudem machen Sturm, Stahl und Heer durch das Mandat Schulden, geraten finanziell offenbar unter Druck. Als Beate Zschäpe ihnen schließlich das Vertrauen entzieht, um sich von anderen Anwälten vertreten zu lassen, droht der gesamte NSU-Prozess zu platzen.

Mich hat an Eva Müllers Dokumentation vor allem beeindruckt, dass die Autorin der Versuchung widerstanden hat, einfache Antworten zu liefern. "Heer, Stahl und Sturm" bietet vielschichtige Einblicke in das NSU-Verfahren und die Rolle der Prozessbeteiligten. Somit liefert der Film eine wertvolle Bestandsaufnahme zur Funktionsweise des Rechtsstaates im Umgang mit rechtsextremem Terror. Ebenso wie unangenehme Wahrheiten. Ein moralisches All-Inclusive-Wohlfühlpaket erhält das Publikum dennoch nicht: Die Zschäpe-Anwälte werden von Eva Müller sehr vielschichtig und durchaus ambivalent porträtiert - die abschließende Bewertung ihres Handelns überlässt sie jedem einzelnen Zuschauer selbst. 

Stand: Sat Sep 08 14:30:00 CEST 2018 Uhr

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