Heimat in der Hosentasche

Heimat in der Hosentasche

"Wenn du verzweifelt bist, ist das Smartphone dein einziger Freund"

Tasja Demel

Geflohen von Zuhause - in eine neue Heimat in der Fremde. Die Familie daheim macht sich Sorgen und ist vielleicht selbst in Gefahr. Eine Situation, in der sich aktuell viele Vertriebene befinden. Ihr Smartphone wird dabei zum wichtigen Begleiter.

 

Heimat in der Hosentasche. | Bildquelle: Tasja Demel

Allein in einem fremden Land, dessen Sprache er kaum spricht: Mesfin Mulugeta erlebt es. "Wenn du verzweifelt bist, dann ist das Smartphone dein einziger Freund; dann ist das Smartphone deine Familie."

Der Äthiopier lebt seit acht Monaten in Deutschland. Zuerst in der Erstaufnahmestelle im hessischen Gießen, danach wurde er Frankfurt am Main zugeteilt. Mulugeta ist einer von über 200.000, die laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2014 einen Antrag auf Asyl in Deutschland gestellt haben.

Mulugeta trägt ein weißes Hemd, schwarze Hose und eine goldene Kreuzkette, die von seinem Hals baumelt. Ein stolzer Mann, der auf sein Äußeres achtet und viel lacht. "Ich will nicht verzweifelt aussehen", sagt er auf Englisch. Zum Treffen bringt er sein Smartphone mit, ein weißes Samsung mit abgegriffener Rückseite, von der sich die Schutzschicht pellt. Griffbereit liegt es immer direkt neben ihm. Den Tag zuvor ist es ihm heruntergefallen. Nicht nur das Display ist zersplittert – noch viel schlimmer für ihn: Er kann keine Anrufe mehr entgegen nehmen. "Das Smartphone ist mein Leben", sagt er.

Mit dem Smartphone ins Netz

Denn das Smartphone ist wichtig: Es ist Video- und Fotokamera sowie Aufnahmegerät und ersetzt manchmal auch den Laptop. Per Internettelefonie, WhatsApp und Facebook können die Geflüchteten ihre Familie in der Heimat schnell und günstig kontaktieren.

In vielen Heimatländern von Flüchtlingen ist der Internetzugang per Smartphone der einfachste, da Breitband-Internet nicht überall vorhanden ist. Viele Menschen benutzen daher lieber gleich das besser verbreitete Satelliten-Netz: Die Nutzung von mobilem Internet im Nahen Osten und Afrika wird von 2014 bis 2019 um 72 Prozent wachsen, schätzt der Netzwerkbetreiber Cisco. Westeuropa komme im selben Zeitraum nur auf 48 Prozent, heißt es in der aktuellen Studie.

Trotzdem wundern sich viele Menschen, wenn sie Flüchtlinge mit den Geräten in der Hand sehen: "So schlecht kann es denen doch gar nicht gehen, mit ihren neuen Smartphones", wettern die Kommentatoren im Netz. Dabei vernachlässigen sie oft, dass Flüchtlinge nicht immer arm sein müssen. "Ein Flüchtling zu sein, ist nicht immer ein Geldproblem. Es ist oft auch ein Problem der Freiheit", sagt Syit Da*, der in Äthiopien Dozent für Biologie an der Universität war und ebenfalls nach Deutschland geflohen ist. Viele Flüchtlinge besitzen schon vor der Flucht ein Smartphone oder einen Laptop und bringen die Geräte dann einfach mit.

*Pseudonym

Stand: 30.03.2016, 17.52 Uhr

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