Ich poste, also bin ich?

Der Twitter Vogel. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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Off - oder online: Leben im digitalen Zeitalter

Ich poste, also bin ich?

Von Joëlle Ullrich

"Ich habe eine Wassermelone getragen." Wäre "Baby" aus Dirty Dancing Twitternutzerin gewesen, dies wäre nicht zum peinlich-überflüssigsten Kultsatz der Filmgeschichte geworden. Sie hätte getwittert: ".@Johnny: Ich habe eine Wassermelone getragen. #ausgründen"

Die Reaktion ihrer Follower? Gelassene Anteilnahme. Vielleicht: "Kennt man. #foodporn." Oder, wenn es ganz hart gekommen wäre: "Roflcopter! #fail". Nichts ist zu banal, um gepostet zu werden. Im Gegenteil. Social Networks sind die Brutstätten der Belanglosigkeiten.

Und ich mittendrin. Denn die Sozialkanäle gehören zu meinem Leben, privat wie auch beruflich. Es gibt tausend und einen Grund, sie zu hassen. Und tausend und einen Grund, sie zu lieben. Der Beziehungsstatus zwischen mir und Social Media: Es ist kompliziert.

"Wir dachten immer, du kannst gut mit Sprache."

Nach Ansicht meiner Freunde außerhalb der Social-Bubble (ja, ich habe einen "realen" Freundeskreis) rede ich zeitweise in Zungen. Sobald meine Impulskontrolle versagt, ergänze ich Sätze mit "Läuft", wenn ich mit dem Geschehen zufrieden bin. Kommentiere augenzwinkernd "LOL", wenn ich etwas witzig finde. Sie schütteln den Kopf, wenn ich mit einem ausweichenden "Geht" einsilbig auf Fragen antworte und werfen mir kritische Blicke zu, wenn ich eine unbestimmte Anzahl mit "drölfzig" angebe. Und je nach Laune noch ein überdrehtes Kichern nachschiebe. Sie finden mich dann eigenartig. Ich kann es nachvollziehen.

Die Bedürfnispyramide für die Netzpause zwischendurch.

Aber hey, da sind ja noch die anderen, die mich verstehen. Meine Hood, die Intellektuellen unter den Social Networkern. Die, die längst über Trivialitäten hinaus sind - wie das Posten von Essen (es sei denn, es ist vegan), emotionalen Befindlichkeiten, Strandliegenfotos oder Instagram-Bildern der sorgfältig umzäunten Grünfläche im Reihenhausviertel.

Lass ma stattdessen lieber teilen, in welchem ICE wir sitzen, gerne mit Bild der Zuganzeige. Wenn möglich nach Berlin. Oder wie wäre es mit ein paar kreativen Wortspielchen, die wir mehr oder weniger schmerzhaft an den Haaren herbeiziehen? Die Welt hat ein Recht darauf zu erfahren, an welcher privaten oder beruflichen Veranstaltung wir teilnehmen und welche tollen oder wahlweise wichtigen Menschen (und damit irgendwie auch wieder tollen) mit uns sind. Natürlich schicken wir später noch in einem Anfall von enthemmtem Übermut ein Gruppen-Selfie hinterher.

Dies alles sicherheitshalber mit Emoticon-Akzenten. Denn, gnihihi, kichern wir im Netz, Ironie funktioniert ja nicht in diesem Internet. Was dagegen immer funktioniert, wenn geniale Einfälle gerade aus sind: Tierbabys, Kaffee, zeitiges Aufstehen kombiniert mit früher-Vogel-und-Wurm-Gags, Schnee (zu früher, plötzlicher, viel).

FTW oder WTF?

Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass unser spontanes, jedoch nicht immer fundiertes Mitteilungsbedürfnis da draußen immer irgendjemanden interessiert. Noch schlimmer: Vermutlich interessiert es tatsächlich immer irgendjemanden.

Nicht falsch verstehen - es ist eine Leistung, mit wenigen Zeichen einen guten Post zu texten. Der in Erinnerung bleibt, informiert, zum Lachen bringt oder zum Nachdenken. Mein Respekt und meine Anerkennung gehören denjenigen, denen es gelingt. Die die richtige Worthülle für Gedanken finden. Allein - es sind nur wenige.

"Hach", seufze ich bei solchen Social-Perlen und tief drinnen klingt andächtig der Hashtag mit. Und dann verteile ich Likes und favorisiere und kenne insgeheim die Gefahr: Jeder Like, jeder Fav könnte das Bubble-Ego des Verfassers zum Platzen bringen. Es ist ein Trugschluss, dass Social Media Nutzer ganz gut ohne Menschen auskommen. Sie lechzen nach Bestätigung, beobachten den aktuellen Post, den letzten Tweet. Messen die Originalität ihrer Gedanken in Interaktionen. Lassen Retweets ihre Kompetenz spiegeln. Was war witzig, kenntnisreich und pointiert genug, um sich glaubwürdig im Netz zu bewegen, Interwebz-Kredibilität bescheinigt zu bekommen?

There’s no life like Real Life

Das virtuelle Soziale Netzwerk hält uns zusammen - aber es hält uns auch ab. Vom "echten Leben", dem "Real Life". Wir fühlen uns nicht verloren, wenn wir ohne unsere Lieblingsmenschen aus dem Haus gehen - aber ohne Smartphone?!? Drehste durch. Doch das beunruhigt uns nicht, im Gegenteil. In reflektierten Anwandlungen kokettieren wir damit, benennen mit angemessener Selbstironie, aber stolz unsere Urängste: leerer Akku und vergessenes Handy. Wie wir "Netzbewohner" sagen würden: In your face, Real Life! Nimm dies! Unsere Prioritäten sind gut, so wie sie sind. Nicht. Zumindest nicht immer.

Also, Social-Media-Homies, auch wenn Rausgehen wie Fenster öffnen ist, nur krasser*: Holt euch eure Portion #Flausch auch im Real Life ab. Und unter uns Abhängigen: Verbreitet mal nichts davon auf irgendwelchen Kanälen. Sondern genießt und schweigt.

*Quelle: Internet.

Stand: Thu Nov 20 12:30:00 CET 2014 Uhr

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