Ingo Schulze: "Ich bleibe bei den Augenblicken des Glücks"

Schriftsteller Ingo Schulze. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Ingo Schulze, Schriftsteller

"Ich bleibe bei den Augenblicken des Glücks"

Mit seinem 1995 erschienenen Erzählband "33 Augenblicke des Glück" ist Ingo Schulze schlagartig als Schriftsteller bekannt geworden. Im Interview berichtet er, wie er als Augenzeuge einen historischen Glücksfall erlebt hat. Und er erklärt, warum Glück zwar flüchtig und unbeständig ist - ihm aber dennoch Halt gibt.

 

ARD.de: Was bedeutet für Sie "Glück"?

Ingo Schulze: Glück lässt sich nicht inhaltlich beschreiben, Glück ist eine Differenz zwischen zwei Zuständen, die man als überraschende Verbesserung erlebt. Als Zustand ist es schwer zu beschreiben, es sei denn, man hält beständig die Differenz wach zu einem schlechteren Zustand, also zum Beispiel das Glück, mit einem geliebten Menschen leben zu können, das Glück, nicht krank zu sein, das Glück, genug zu trinken und zu essen zu haben etc. etc.

 

Bei welcher Gelegenheit waren Sie das letzte Mal glücklich?

Vielleicht muss man ja nicht gleich alles als Glück beschreiben, was einen froh, freudig, ausgelassen macht. Eine Inflation des Begriffes macht nicht glücklich. Wirklich glücklich war ich, als sich im Frühjahr die bedrohliche Diagnose eines Arztes als Irrtum erwies. Glücklich bin ich sehr oft mit meinen Kindern oder dann, wenn ich denke, mir sei etwas eingefallen, die Idee zu einem Buch, einer Geschichte.

 

Wann ist Ihnen in Ihrem Leben ein "großes Glück" begegnet, und wie hat sich dadurch Ihr Leben verändert?

Ein großes Glück war der 9. Oktober 1989, als die Demonstration in Leipzig zum ersten Mal um den ganzen Innenstadtring gehen konnte. Ich hatte im wahrsten Sinne das Glück, dabei zu sein. Von jenem Tag an wurde die Revolution in der DDR eine gewaltfreie - und ihre Folgen haben nicht nur mein Leben in jeder Beziehung vollkommen gewandelt.

 

Haben Sie einen Trick, um sich einen Glücksmoment zu verschaffen?

Einen Trick würde ich das nicht nennen. Aber wenn ich das Gefühl habe, die Bedrückung wächst und hält an und lastet auf einem, dann ist es gut, irgendwie Distanz zum Jetzt und Hier zu bekommen. Bisher hat das in aller Regel glücklicher Weise geholfen.

 

Buchcover "33 Augenblicke des Glücks". | Bildquelle: dtv

Als Autor sind Sie mit Ihrem Werk "33 Augenblicke des Glücks" bekannt geworden. Dauert das Glück tatsächlich nur so lange wie ein Augenblick - ist Glück so flüchtig?

Ich denke doch. Das heißt ja nicht, dass sich die Glücksaugenblicke völlig verflüchtigen und in Nichts auflösen, sie bleiben schon in einem als Halt, als Ermutigung, als Hoffnung. Das Glück kann einem niemand mehr nehmen, es sei denn, es stellt sich als Täuschung heraus. Das ist wohl das Bitterste. Aber diese innere Explosion, die Glück ja auch immer ist, die ist doch an eine kurze Zeit gebunden. Denken Sie an einen Fußballer, der ein Tor schießt und sich vor lauter Glück das Trikot vom Leib reißt. Und zwei Spiele später verschießt er einen Elfmeter und schleicht unter Pfiffen vom Platz. Oder ich bekomme einen Preis und zwei Tage später wird das neue Buch verrissen. Oder der über alles geliebte Mensch sagt plötzlich etwas oder tut etwas und man versteht die Welt nicht mehr. Also ich bleibe bei den Augenblicken des Glücks.

 

Das Interview führte Ingo Fischer

Stand: Mon Sep 16 11:31:00 CEST 2013 Uhr

Darstellung: