Internetcafés im Wandel der Zeit

Internet- und Callshop Ostercall. | Bildquelle: NDR.de

Wie ein Hamburger Internetcafé dem digitalen Wandel trotzt

Internetcafés: Wo das Netz zu Hause war

Kristina Festring-Hashem Zadeh

In den 2000er-Jahren boomten die Internetcafés. Kunden standen Schlange, um online zu gehen. Doch mit der Verbreitung von Smartphones lief das Netz den Cafés davon. Viele Läden sind pleite. Nur wenige haben überlebt. Wie? Das zeigt ein Hamburger Beispiel.

Wenn er an die Anfangszeit zurückdenkt, breitet sich ein Strahlen in Ramazan Mousavis Gesicht aus. "Es war verrückt. Wir mussten die Leute rausschmeißen, wenn wir gegen 1 Uhr nachts Feierabend machen wollten", erzählt der Mitarbeiter im "Internet- und Callshop Ostercall" - einem der letzten Internetcafés in Hamburg-Eimsbüttel.

2005 standen die Menschen Schlange, um an einem der insgesamt 15 Rechner zu surfen. "Manche klebten sieben, acht Stunden vor den Computern." Aus Spanplatten hatten zwei von Mousavis Neffen die PC-Kabinen gezimmert, dazu sechs Telefonzellen. Mehr brauchte es nicht. Der Laden lief. In der Osterstraße 80 hatte das Internet eine Heimat gefunden und Mousavi einen sicheren Job. Dachte er.

Das Internet ist den Cafés davongelaufen

Wenn der 58-Jährige an diesem Nachmittag von seinem Tresen auf die Computer schaut, sieht er exakt einen Kunden an einem der zehn noch verbliebenen Rechner. "Vom Internet allein können wir längst nicht mehr leben", bedauert Mousavi. An der Wand hinter ihm leuchten und glitzern Handyhüllen in allen erdenklichen Farben und Mustern. Dass sich die Kommunikationstechnik derart rasant entwickelt und heute beinahe jeder sein eigenes Internet in der Tasche trägt, habe er damals nicht gedacht.

In den 2000er-Jahren boomten die Internetcafés in Deutschland. "Ein Bekannter besaß damals 15 Stück, das waren Goldgruben", erinnert sich Mousavi. Doch mit der massenhaften Verbreitung der Smartphones lief das Netz Ende der 2000er-Jahre den Cafés davon. Heute sind bei der Hamburger Handelskammer insgesamt noch 56 Internetcafés registriert – 2010 waren es noch 78. Zahlen aus den Anfangsjahren gibt es nicht.


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"Internet- und Callshop Ostercall"

An der Osterstraße in Hamburg-Eimsbüttel liegt zwischen Kleidungsgeschäft und Spielhalle der "Internet- und Callshop Ostercall". | mehr

Kristina Festring-Hashem Zadeh

"Plötzlich konnte ich meine Familie live sehen"

Die Faszination des Netzes hatte der gebürtige Iraner Mousavi einige Monate vor der Café-Eröffnung bereits privat erfahren. Ein Neffe führte ihn in die Geheimnisse des Bild-Chats ein. "Plötzlich konnte ich meine Familie im Iran live sehen!"  Wie sein Herz hüpfte, als seine Schwester erstmals auf dem Bildschirm auftauchte, werde er nie vergessen, sagt Mousavi.

Vor 25 Jahren floh er aus dem Iran, weil er dort als Oppositioneller seines Lebens nicht mehr sicher war. Bis heute hält er engen Kontakt zu den dort lebenden Verwandten. Dank sozialer Netzwerke und Videochats erfährt er umgehend, wie seine neugeborenen Großnichten und -neffen aussehen. Oder was sein Bruder zu Abend gegessen hat. Das Internet ist die Verbindung zur ehemaligen Heimat. Dass es gerade in der Metropole Hamburg viele Migranten wie ihn gibt, die sich mit ihrer Familie im Ausland austauschen wollen, habe ihn damals von der Internetcafé-Idee überzeugt.

Stammkunde: Bewusst ohne Smartphone und Privatanschluss

"Noch Wasser?" Mousavi gießt dem Mann an Rechner Nummer 9 einen frischen Schluck in die Tasse mit grünen und lila Blümchen. Die Erfrischung geht aufs Haus. Frank Radmacher ist Kunde der ersten Stunde und hält dem Laden seither die Treue. Ohne das Internetcafé würde ihm in seiner Gegend ein wichtiger Bezugspunkt fehlen. "Ungefähr jeden zweiten Tag bin ich hier", sagt der 61-Jährige.

Radmacher - weißer Bart, Hornbrille, Survivalweste - hat sich bewusst gegen ein Smartphone entschieden und auch zu Hause keinen Internet-Anschluss. "Man verdaddelt sonst schnell viel zu viel Zeit im Netz, außerdem macht das einsam." Heute ist er ins Café gekommen, um nachzuschauen, "wie der Vogel heißt, der die Kirschen vom Baum vor unserem Haus stibitzt" und um Fotos für Facebook hochzuladen. "Das klappt an der  9 am besten."

Radmacher kennt die Macken und Vorzüge sämtlicher Rechner in dem Café. Weit wichtiger als die Technik sei ihm aber die angenehme Atmosphäre, sagt der Künstler. "Hier ist es ruhig und die Mitarbeiter sind sehr freundlich." Oft biete ihm Mousavi von seinem eigenen mitgebrachtem Obst oder Essen an. Er selbst hat ihn schon mit einem Kreideporträt von dessen Vater überrascht.

Handy-Handel lässt Laden überleben

Eine stark geschminkte junge Frau stakst in den Laden, der mit seiner blau gestrichenen Fassade voller Werbung an einen bunt beklebten, überdimensionalen Schuhkarton erinnert. Außer im Winter steht die Tür eigentlich immer offen. Die Frau legt zwei Smartphones auf den Tresen und feilscht mit Mousavi hart um den Preis. "Das musste ich erst mal lernen, aber mittlerweile kenne ich mich bei den Handys einigermaßen aus", sagt er, als sie sich geeinigt haben. Nur weil die Ostercall-Mitarbeiter seit einigen Jahren auch Mobiltelefone und Zubehör an- und verkaufen sowie reparieren lassen, existiert der Laden noch.

Außerdem hält er sich mit dem Verkauf von Telefonkarten, Spielen und Konsolen über Wasser. Selbst Armbanduhren liegen in einer Vitrine. "Nur zehn Euro", preist Mousavi an und lacht. Doch wenn er von der Zukunft spricht, schwingt in seiner Stimme Sorge mit. Im Grunde müsse sich der Laden immer wieder neu erfinden, auch wegen der enormen Konkurrenz durch die großen Elektro-Billig-Ketten. "Gegen die haben wir keine Chance."

Jetzt lagert das Café Sendungen von Online-Händlern

Kürzlich haben sie mal wieder umgebaut und vier der sechs Telefonzellen ausrangiert. "Die werden sowieso kaum noch benutzt." An dem frei gewordenen Platz haben die Mitarbeiter zusätzliche Regale aufgestellt, in denen zahlreiche Pakete und Päckchen liegen. Die Zusammenarbeit mit einem Paketversand spült dringend benötigtes zusätzliches Geld in die Kasse – und passt irgendwie auch zum Internetcafé, da ein Großteil der Sendungen von Online-Händlern stammt.

Eine grauhaarige Frau in T-Shirt und Jeans kommt herein und legt ein Päckchen auf den Tresen. "Schön warm heute", sagt sie und lächelt Mousavi an. "Fast wie in Ihrer Heimat, nicht wahr?" Mousavi scannt und lächelt zurück. "Hier ist meine Heimat", sagt er. "Aber das Wetter ist wirklich schön."

Stand: 21.09.2015, 19.28 Uhr

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