Interview mit Anne Wizorek

Anne Wizorek. | Bildquelle: Anne Koch

Anne Wizorek, Bloggerin und Autorin

"Toleranz ist nicht genug"

Am 25. Januar 2013 löste Anne Wizorek mit einem Tweet eine deutschlandweite Sexismus-Debatte im Netz aus. Unter dem Hashtag "#aufschrei" twitterten zehntausende Menschen, vor allem Frauen, über ihre Erfahrungen mit Sexismus im Alltag. Im ARD.de-Interview erklärt Anne Wizorek, Autorin von "Weil ein #aufschrei nicht reicht", warum Akzeptanz, Respekt und Liebe wichtiger als Toleranz sind.

ARD.de: Was ist für Sie Toleranz?

Anne Wizorek: Toleranz ist nicht genug, denn wenn jemand toleriert, also geduldet wird, gibt es auch immer jemanden, der darüber entscheiden kann, ob diese Toleranz überhaupt gewährt wird. Das zeigt ein eindeutiges Machtgefälle in unserer Gesellschaft und dass wir längst nicht so frei von Diskriminierungen sind wie wir oft glauben. Worüber wir tatsächlich reden müssen, sind Akzeptanz, Respekt und Liebe. Warum stehen sie für heterosexuelle Menschen, für weiße Menschen oder für Menschen ohne Behinderung außer Frage, während sie Menschen, die nicht diesen Kategorien entsprechen, verwehrt werden? Warum werden ihnen auch im Jahr 2014 immer noch grundlegende Rechte nicht gegeben und warum wird ihnen ihre Menschlichkeit abgesprochen? Ein "Ich habe ja nichts gegen Schwule, solange sie in ihren vier Wänden bleiben" ist eben immer noch homophob und grenzt aus. Wenn wir eine gerechte Gesellschaft sein wollen, dürfen wir einfach nicht nur bei Toleranz ansetzen.

Bei welcher Gelegenheit haben Sie sich zum letzten Mal tolerant gezeigt?

Es ist mir ein Herzensanliegen, selbst in meinem ganz alltäglichen Handeln anderen Menschen nicht nur tolerant, sondern auch mit Akzeptanz zu begegnen. In den meisten Fällen macht mir das keine Mühe, in anderen muss ich mich dafür mehr anstrengen. Als Autorin eines Buchs über Feminismus begegne ich auch immer wieder dem Vorurteil, dass Feminismus Männerhass bedeutet. Statt abwertend zu reagieren, erkläre ich dann allerdings, dass es bei Feminismus um Geschlechtergerechtigkeit für alle Menschen geht und das Männer selbstverständlich miteinschließt.

Wann waren Sie das letzte Mal intolerant?

Es gibt Dinge, die kann und will ich nicht tolerieren. Zum Beispiel, dass uns nach den Taten des NSU oder auch dem Nazi-Aufmarsch neulich in Köln weiterhin eingeredet werden soll, dass Deutschland kein Problem mit Alltagsrassismus und Rechtsextremismus hat. Stattdessen sollten wir endlich ernsthaft darüber sprechen, was das für dieses Land bedeutet und uns damit auseinandersetzen.

Kann man Toleranz lernen?

Angesichts weit verbreiteter intoleranter Ansichten, die sogar Platz in öffentlichen Debatten finden, hoffe ich sehr, dass man Toleranz lernen kann. Aber Toleranz allein reicht nicht aus, da es nur ein "übereinander reden" suggeriert und kein Miteinander. Um sich in Richtung Akzeptanz, Respekt und Liebe zu bewegen, muss unsere Gesellschaft eindeutig auch den Menschen zuhören und glauben, die sie jetzt noch als "die Anderen" ausgrenzt. Sie sind nämlich Teil unserer Gesellschaft und müssen diese deshalb genauso mitbestimmen und an ihr teilhaben dürfen.

Wo fehlt es in unserer Gesellschaft besonders an Toleranz?

Sexismus, Rassismus, Homophobie, Behindertenfeindlichkeit etc. sind auch heutzutage noch tief in unserer Gesellschaft verankerte Diskriminierungsformen. Sie sind so sehr in uns drin, dass diejenigen, die nicht davon betroffen sind, diese kaum mehr sehen. Das dann wiederum erweckt den Eindruck, dass es diese Formen der Benachteiligung und unmenschlichen Behandlung nicht mehr gäbe und wir sie überwunden hätten. Aber: Menschlichkeit und Grundrechte sind nicht verhandelbar und es ist unsere gesamtgesellschaftliche Aufgabe das für alle Menschen geltend zu machen.

Das Interview führte Karola Kallweit.

Stand: 20.05.2015, 02.27 Uhr

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