Interview mit Gregor Hohberg

Pfarrer Gregor Hohberg. | Bildquelle: house-of-one.org

Gregor Hohberg, Pfarrer

"Ich halte unsere Gesellschaft für sehr tolerant"

Pfarrer Gregor Hohberg setzt sich tatkräftig für den interreligiösen Dialog ein und vertritt im Rahmen des Berliner Projekts "House of One" die christliche Glaubensgemeinde. Im Gespräch mit ARD.de erklärt er, wie durch Toleranz ein respektvolleres Miteinander geschaffen werden kann.

ARD.de: Was ist für Sie Toleranz?

Gregor Hohberg: Toleranz heißt für mich, dass ich die Andersheit meines Nächsten sehe und akzeptiere. Ich versuche also ihn grundsätzlich als gleichberechtigten, d.h. mit der gleichen Menschenwürde ausgestatteten und in gleicher Weise als von Gott geschaffenen und geliebten Menschen in seiner Besonderheit wahrzunehmen. Der Andere ist anders, aber er hat ein Herz , wie ich, eine Seele, wie ich, Träume, Schmerzen, wie ich. Das hilft für einen verständnisvollen Umgang miteinander. Es meint nicht, dass ich jede Handlung des Anderen gut heiße. Es heißt aber, dass er als Person für mich in seiner Würde unantastbar ist. Toleranz in diesem Sinne ist für mich die Anwendung des Gebotes der Nächstenliebe. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst und, für die Gläubigen unter uns, Gott! Jesus hat dieses Gebot beispielhaft für uns gelebt.

Bei welcher Gelegenheit haben Sie sich zum letzten Mal tolerant gezeigt?

Als unser Sohn zum x-ten Mal seine Sachen im Wohnzimmer verteilt herumliegen ließ. Als die "Junge Gemeinde" im Keller unter meiner Wohnung um 2 Uhr immer noch laut Musik hörte und feierte. Als beim Besuch einer Gruppe von Muslimen in unserem Büro ein wenig Platz und Zeit gebraucht wurde, da gerade Gebetszeit war.

Wann waren Sie das letzte Mal intolerant?

Ich habe Schwierigkeiten damit, wenn andere Menschen abwertend über andere Menschen reden. Auch wenn dies ungewollt geschieht. Z.B.: "Er leidet viehisch", "Das ist menschenunwürdig", "Das ist nicht mehr menschlich" oder ähnliche Formulierungen, die gerade im Zusammenhang mit der Debatte um die Sterbehilfe häufig zu hören sind. Auch ein Mensch, der schwer leidet und sterbenskrank ist, ist ein Menschenkind in seiner vollen, unantastbaren Menschenwürde.

Kann man Toleranz lernen?

Ich denke ja. Eine Grundhaltung, die jedes Menschenkind als gleichwertiges und -berechtigtes Gegenüber anerkennt und sich entsprechend verhält, lässt sich einüben und vermitteln. Wichtig ist dabei aber die Unterscheidung zwischen den Handlungen eines Menschen und seiner Person. Toleranz sollte nicht dazu führen alles, was ein Mensch tut, anzuerkennen. Es muss weiterhin Kritik an lebensfeindlichen Handlungen möglich sein. Dafür ist das Ringen um eine verbindliche Wertebasis, die auf Toleranz ruht, unerlässlich. Für mich gehört dazu die Unantastbarkeit und Würde einer jeden Menschenseele. Mein Glaube sagt mir, dass Gott alle Menschen geschaffen hat und sie in ihrem Personsein bejaht. Das ist für mich die Grundlage aller Toleranz. Andere haben andere Zugänge zu dieser Basis. Aber wir müssen uns darüber verständigen, sonst kann aus Toleranz Beliebigkeit werden.

Wo fehlt es in unserer Gesellschaft besonders an Toleranz?

Ich halte unsere Gesellschaft für sehr tolerant. Sicher, an einigen Stellen könnte es noch toleranter zugehen. Wenn wir auf ausgegrenzte oder fremde Menschen treffen, sollten wir versuchen, erst den Menschen als Teil der eigenen Menschenfamilie zu sehen und dann sein Anderssein. Für dringlicher halte ich das stetige Arbeiten an einer Übereinkunft über die Basiswerte der Toleranz. Nur auf der Basis dessen, dass alle Menschen gleich würdig und wertig sind, lässt sich Toleranz mit der Möglichkeit der Kritik menschenfeindlicher Handlungen verbinden. Und für wichtig halte ich außerdem, dass wir uns selbst gegenüber Toleranz einüben. Dass wir uns als bejaht akzeptieren, auch wenn wir nicht erfolgreich, gesund und stark sind.

Das Berliner Bethaus als gemeinsamer Ort der Andacht für das Judentum, den Islam, und das Christentum ist ein hoffnungsvoller Ansatz in einer Zeit, die oft geprägt ist von Misstrauen zwischen den Religionen. An welche Grenzen - persönlich und vielleicht auch in Ihren Gemeinden - sind Sie bei der Zusammenarbeit an diesem Projekt gestoßen?

Unser Zusammengehen, das gemeinsame Arbeiten und Beten Seite an Seite wird in Berlin und weit darüber hinaus von nichtreligiösen ebenso wie von Juden, Christen, Muslimen und anders Glaubenden als sehr positiv erlebt. Zurzeit schaffen wir es nicht, allen Bitten und Anfragen um Vorstellung und Erläuterung unseres Bet- und Lehrhausprojektes nach zu kommen. Diese Erfahrung bildet einen starken Kontrast zu den aktuellen Nachrichten, die ja überwiegend zeigen, dass Kriege religiös begründet werden. Unsere Erfahrung stimmt uns sehr hoffnungsvoll und diese Hoffnung lässt uns weiter träumen, und weiterbauen am "House of One". Mit Gottes Segen und der Hilfe der vielen, die uns unterstützen, werden wir unseren Glauben als wertorientierte Toleranz bzw. als Menschenliebe zum Besten der Stadt mehr und mehr entfalten.

Das Interview führte Karola Kallweit.

Stand: Sat May 16 02:19:57 CEST 2015 Uhr

Darstellung: