Interview mit Kadir Sanci

Imam Kadir Sanci. | Bildquelle: house-of-one.org

Kadir Sanci, Imam

"Trotz Unterschieden gehören wir zusammen"

Religionswissenschaftler und Imam Kadir Sanci setzt sich zusammen mit Rabbiner Tovia Ben-Chorin und Pfarrer Gregor Hohberg für das Berliner Projekt "House of One" ein, das eine Brücke zwischen den drei Weltreligionen schaffen soll. Im Interview mit ARD.de erklärt er, wie ein harmonisches "Zusammensein in Vielfalt" erreicht werden kann.

ARD.de: Was ist für Sie Toleranz?

Kadir Sanci: Toleranz ist meines Erachtens die Vorstufe bzw. Voraussetzung für Respekt, Anerkennung und Akzeptanz. Toleranz ist die Basis für ein gelungenes Zusammenleben in Vielfalt und Veständnis. Es wäre schade, wenn man schließlich denken würde, das Ziel ist erreicht. Nur mit Tolaranz ist ein friedliches Zusammenleben möglich. Ein harmonisches Zusammenleben braucht Respekt gegenüber anderen Menschen.

Bei welcher Gelegenheit haben Sie sich zum letzten Mal tolerant gezeigt?

Wenn auch die Anzahl der religiös motiviert Gewaltbereiten unter den Muslimen keine 0,1 Prozent aller Muslime in Deutschland ausmachen, steht der Islam u.a. auch in Deutschland unter Generalverdacht. Dazu tragen ohne Zweifel die Medien stark bei. Als freiheitsliebender Mensch, der die rechtsstaatliche und demokratische Grundordnung in Deutschland zu schätzen weiß, habe ich mich entschlossen, die undifferenzierte Berichterstattung mancher Medien zu ertragen. Diese muss ich ständig tolerieren bzw. erdulden. Das Recht aller auf freie Meinungsäußerung und meine religiöse Überzeugung erfordern meine Toleranz gegenüber der negativen Einstellung der Medien bezüglich des Islams, denn ich erwarte eine verantwortungsbewusste und differenzierte Haltung.

Wann waren Sie das letzte Mal intolerant?

Religiösen Strömungen gegenüber, die Muslime von der friedfertigen Grundeinstellung des Islams entfremden, bin ich äußerst intolerant.

Kann man Toleranz lernen?

Der Weg, über die Toleranz an Respekt zu gelangen, ist zweifelsohne ein Bildungsprozess. Noch wichtiger aber ist, dass Menschen davon überzeugt werden müssen. Sowohl der Verstand als auch das Herz müssen überzeugt werden, dass es keinen anderen Weg gibt, der ein harmonisches Zusammenleben in Vielfalt ermöglichen könnte.

Wo fehlt es in unserer Gesellschaft besonders an Toleranz?

Meist gehen wir davon aus, dass Gemeinsamkeiten die Menschen zusammenschweißen könnten. Sehr schnell werden sie in ihrem Bemühen von Unterschieden überholt. Dadurch wachsen die gegenseitigen Erwartungen und schließlich wird die Differenz zueinander größer. Ich setze jedoch die Gemeinsamkeiten schätzend von Anfang an auf Unterschiede. Genau in der Überzeugung, dass wir trotz Unterschieden zusammengehören, könnte meines Erachtens unsere Stärke liegen. Daher bin ich der Meinung, dass unsere Gesellschaft mehr Toleranz gegenüber Unterschieden, dem Fremden und gegenüber dem Unbekannten zeigen müsste.

Das Berliner Bethaus als gemeinsamer Ort der Andacht für das Judentum, den Islam und das Christentum ist ein hoffnungsvoller Ansatz in einer Zeit, die oft geprägt ist von Misstrauen zwischen den Religionen. An welche Grenzen - persönlich und vielleicht auch in Ihren Gemeinden - sind Sie bei der Zusammenarbeit an diesem Projekt gestoßen?

Unser Haus wird ein Bet- und Lehrhaus werden. Ein Haus, in dem gebetet, gelehrt und vor allem gelernt wird. Als ich die Anfrage bekam, mich an diesem Projekt zu beteiligen, musste ich nicht lange überlegen. Unter anderem wegen dieses Projekts habe ich meine Heimat Istanbul aufgegeben und mich für Berlin entschieden. Mein Migrationshintergrund prägt meine Wahrnehmungen und ist die Basis für meine Offenheit gegenüber Andersglaubenden und Andersdenkenden, die ich mir bereits in sehr jungem Alter aneignen konnte. Mit diesem Projekt spielen wir nicht mit den Gedanken, die drei abrahamitischen Religionen durch eine neue gemeinsame Religion zu ersetzen. Jeder von den drei Partnern möchte der eigenen religiösen Tradition treu bleibend ein religiös unvermischtes Zusammensein in Vielfalt erreichen. Dieser Ansatz konnte für mich eventuelle Bedenken bereits im Vorfeld aus dem Weg räumen.

In der muslimischen Community in Berlin bin ich auf weniger Kritik gestoßen, als ich erwartet habe. Außerdem haben wir den muslimischen Verbänden und Moschee-Vereinen unser Projekt vorgestellt. Dass wir bis heute keine institutionelle Kritik von Muslimen erhalten haben, nehme ich zudem als ein positives Zeichen auf.

Das Interview führte Karola Kallweit.

Stand: Sat May 16 02:20:14 CEST 2015 Uhr

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