Interview mit Lessing

Gotthold Ephraim Lessing. | Bildquelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Gotthold_Ephraim_Lessing.PNG/Fotobearbeitung: ARD.de

Gotthold Ephraim Lessing, Dichter

"Toleranz ist kein totes Wissen"

Würde Gotthold Ephraim Lessing heute unter uns weilen, wäre er vielleicht ein Friedensaktivist, der für eine NGO im Sudan arbeitet. Vielleicht wäre er auch ein avantgardistischer Schreiberling mit Hornbrille und Jutebeutel, der sich mit anderen Kreativen ins Berliner Nachtleben stürzt, um tags drauf weiter am großen Roman zu arbeiten. Doch was würde er zum Thema Toleranz sagen? Für das Interview mit ARD.de ist Germanist Dr. Cord-Friedrich Berghahn in die Rolle des Hipster-Lessings geschlüpft.

ARD.de: Was ist für Sie Toleranz?  

Dr. Cord-Friedrich Berghahn alias Lessing: Eine Haltung, mehr: ein Lebensprinzip. Kein Inhalt, sondern ein Prozess. Lebenslang. Da gehört alles dazu: Irrtümer verzeihen, andere Wege respektieren, fremde Ideen ernst nehmen, überkommene Urteile selber prüfen, das eigene Denken stets und radikal beobachten. Denn nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgend ein Mensch ist oder zu sein vermeint, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Durch eigenes Nachdenken auf die Wahrheit kommen heißt aber fast immer irren - da ist Toleranz die einzig mögliche Haltung.

Bei welcher Gelegenheit haben Sie sich zum letzten Mal tolerant gezeigt?

In meinem Schauspiel "Nathan, der Weise" öffentlich - da habe ich 1779 mein credo abgelegt, mein Bekenntnis, demzufolge es auf die Praxis zwischen den Menschen, Völkern und Religionen ankommt, nicht auf die Theorie. Und privat in meinen Gesprächen und Briefen und im Umgang mit meinen Freunden - bis zuletzt.

Wann waren Sie das letzte Mal intolerant?

Im Kampf mit der protestantischen Orthodoxie; da habe ich meinem Gegner, dem Hauptpastor Goeze, mitunter auch Unrecht getan. Man halte mir allerdings zugute, dass es ein mächtiger und verbohrter Gegner war, dass ich ihn an seinem stärksten Punkte angriff und dass ich den Streit durch Publikationsverbot büßen musste. Überhaupt: Es sei, dass noch durch keinen Streit die Wahrheit ausgemacht worden: so hat dennoch die Wahrheit bei jedem Streite gewonnen.

Kann man Toleranz lernen?

Ja, und zwar nicht als Inhalt, sondern als Praxis. Das aber muss früh anfangen, muss früh auf geistige Autonomie und Kritikfähigkeit zielen, denn der größte Fehler, den man bei der Erziehung zu begehen pflegt, ist dieser, dass man die Jugend nicht zum eigenen Nachdenken gewöhnt. Toleranz ist aber immer eine lebendige Entscheidung, kein totes Wissen.

Wo fehlt es in unserer Gesellschaft besonders an Toleranz?

Überall, soweit ich sehe. Im Grunde sind die Themen, die ich zwischen 1747 und 1781 aufgegriffen habe, immer noch unerledigt, sind die Konflikte immer noch erschreckend lebendig - zwischen den Konfessionen, den Religionen, den Geschlechtern, zwischen Reich und Arm, Mächtigen und Ohnmächtigen. Daher sind meine Texte immer noch aktuell - und werden dies, schaut man in die Welt, wohl auch noch lange bleiben. Es scheint mir fast, als ob es die Aufklärung nie gegeben hätte...

Das Interview führte Karola Kallweit.

Stand: 16.05.2015, 02.20 Uhr

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