Interview mit Meike Büttner

Meike Büttner. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Meike Büttner, Bloggerin und Mutter

"Toleranz sollte in der Schule unterrichtet werden"

Allrounderin Meike Büttner schreibt Romane, Blogs und Drehbücher, komponiert ihre eigene Musik und engagiert sich ehrenamtlich für Alleinerziehende. Im Gespräch mit ARD.de verrät sie, wie man im Alltag Toleranz "üben" kann.

ARD.de: Was ist für Sie Toleranz?

Meike Büttner: Toleranz ist für mich die - meist hart erlernte - Fähigkeit, Meinungen, Menschen und Handlungen zu akzeptieren, die meinen eigenen Ansichten völlig gegen den Strich gehen.

Bei welcher Gelegenheit haben Sie sich zum letzten Mal tolerant gezeigt?

Ich fände besser formuliert: "Wann haben Sie sich zum letzten Mal in Toleranz geübt?", denn ich halte das für einen nie endenden Lernprozess. Im Grunde also täglich. Als Mutter übe ich mich täglich in Toleranz gegenüber anderen Eltern und deren Erziehungsweisen. Oder als Teilnehmerin des öffentlichen Nahverkehrs in Berlin liegen einem auch immer viele Möglichkeiten bereit. Da spielt jemand grässlich Geige in der Bahn? Durchatmen, soll er doch. Da trägt jemand das widerlichste Parfum der Welt? Vielleicht besser nicht tief durchatmen. Dann vielleicht einfach aussteigen. Aber bloß kein Urteil erlauben über die Person. Das ist ganz schön schwierig. Tägliches Üben empfohlen.

Wann waren Sie das letzte Mal intolerant?

Das ist eine sehr gute Frage. Vermutlich viel zu oft schon. Um für mich selbst zu werben, würde ich jetzt antworten: Ich bin intolerant gegenüber Intoleranz. Und zwar immer. Aber das ist ja ein absolutistischer Ansatz, dem kein Mensch gerecht werden kann. Ich hab's! Das war ein Lyrikwettbewerb! Man schrieb mir, ich sei im Finale und müsse nun auf eigene Kosten anreisen und übernachten, um bei der Siegerehrung eventuell gekürt zu werden. Außerdem wollten sie meinen Text so oder so unbezahlt in ihrer Anthologie veröffentlichen. Da wurde ich intolerant und habe sie an die größeren Foren verpetzt.

Kann man Toleranz lernen?

Kann man und muss man. Toleranz ist eine Extraleistung, die Menschen lernen müssen. Sie sollte am Besten in der Schule unterrichtet werden.

Wo fehlt es in unserer Gesellschaft besonders an Toleranz?

Leider noch an allen Ecken und Enden. Schwarze Kinder erleben an deutschen Grundschulen noch immer alltäglich Rassismus, priviligierte Menschen führen Meinungskriege gegen marginalisierte Menschen und umgekehrt. Sozialneid, Sexismus, die Debatten darüber, was eine richtige Familie ist oder ob wir bereit sind unsere Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen. Es gibt viele Anzeichen dafür, dass wir in einer sehr intoleranten Gesellschaft leben, die ihre Toleranz immer gerne an Bedingungen knüpft.

Wenn Sie das Bundesfamilienministerium leiten würden, was wären die ersten Maßnahmen?

Ich würde als erstes Evaluation betreiben. Was für Familienformen gibt es in Deutschland, wie leben diese, was wünschen sie sich selbst für ein selbstbestimmtes Familienleben? Ich würde versuchen, meine Arbeit mehr auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu stützen als das bisher der Fall ist und ich müsste dann auch mal dringend mit meinen Kollegen im Finanz- und im Arbeitsministerium sprechen. Die Sicherung ALLER deutschen Familien durch Erwerbstätigkeit ist schon lange nicht mehr möglich. Wir müssten also dringend Sonderleistungen für Familien entwickeln, die ihre Existenz sichern. Und zwar unabhängig davon, ob eine Ehe vorliegt, die Eltern heterosexuell, geschieden oder verwitwet sind. Ich würde mindestens versuchen, eine Grundsicherung für alle Kinder zu entwickeln.

Das Interview führte Karola Kallweit.

Stand: Sat May 16 02:20:19 CEST 2015 Uhr

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