Interview mit Philippa Gutbetucht

Bloggerin Philippa Gutbetucht. | Bildquelle: http://gutbetucht.blogspot.de/

Philippa Gutbetucht, muslimische Bloggerin

"Natürlich kann man Toleranz lernen"

Philippa Gutbetucht ist eine junge, modische Frau und sagt über sich selbst: "Ich bin Muslimin - 'konservativ' genug, um Kopftuch zu tragen und 'liberal' genug, um einen Hijab-Style-Blog zu führen." In ihrem Blog "gutbetucht" schreibt sie auf deutsch über Mode und erzählt im ARD.de-Interview, warum für sie Toleranz auch Freiheit bedeutet.

ARD.de: Was ist für Dich Toleranz?

Philippa Gutbetucht: Die Fähigkeit, mit Vielfalt leben zu können. Unterschiede und Konflikte aushalten zu können. Ein Minimum an Respekt zu zeigen. Anderen das zuzugestehen, was man sich für sich selbst wünscht, nämlich, die Freiheit, so zu sein, wie man möchte und das zu tun, was man für richtig erachtet. Klar, hat diese Freiheit auch Grenzen und ja, es gibt Grenzen der Toleranz. Wo die liegen, muss in jedem Kontext von allen Betroffenen ausgehandelt werden.

Bei welcher Gelegenheit hast Du Dich zum letzten Mal tolerant gezeigt?

Ich bin zurzeit Co-Präsidentin der Muslimischen Hochschulgemeinde an meiner Universität. Das Team, mit dem ich arbeite, besteht aus zehn Mitgliedern. Wir kommen aus fünf verschiedenen Ländern und aus sehr verschiedenen Elternhäusern. Die Jüngsten sind mehr als 10 Jahre jünger als ich und wir haben oft unterschiedliche Ansichten darüber, wie mit Problemen umgegangen werden soll, wie miteinander umgegangen werden soll, auch welche Veranstaltungen wir durchführen wollen, was in dieser oder jener Frage, die aus islamischer Sicht beste Herangehensweise ist (aber auch, ob es die überhaupt gibt). Da ist meine Toleranz immer wieder gefragt.

Wann warst Du das letzte Mal intolerant?

Letzte Nacht um zwölf, als mein Nachbar mal wieder meinte, den Rest des Hauses mit seiner Musik beschallen zu müssen. Wie gesagt, sie hat ihre Grenzen, die Toleranz.

Kann man Toleranz lernen?

Natürlich. Ich habe viel über Toleranz in all den Ländern gelernt, in denen ich in den letzten Jahren gelebt, studiert und gearbeitet habe. Aber um Toleranz zu lernen, muss man nicht immer in die Ferne schweifen. Da reicht manchmal auch schon eine Begegnung mit dem griesgrämigen Nachbarn oder dem pubertierenden Sohn. Generell würde ich sagen, dass Kinder fürs Toleranzlernen am empfänglichsten sind. Und das ist einer der Gründe, warum ich es so schade finde, dass man in vielen Teilen Deutschlands noch immer hysterisch reagiert, wenn eine Frau mit Kopftuch zum Beispiel Lehrerin werden möchte. Hier könnte man ganz praktisch etwas über Toleranz und Vielfalt lernen.

Wo fehlt es in unserer Gesellschaft besonders an Toleranz?

Ha ha ha, wo soll ich anfangen?! Ich sehe auf so vielen Gebieten ganz dringenden Nachholbedarf.  In den letzten Jahrzehnten haben wir einen großen Fortschritt in vielen Bereichen gemacht. Man muss sich nur überlegen, wie Deutschland noch vor 40, 50 oder 60 Jahren aussah, wie das Leben damals als Schwuler, Alleinerziehende, Rollstuhlfahrer, Muslimin, geistig Behinderter oder Frau ausgesehen haben muss. Im Vergleich mit großen Teilen der Welt ist Deutschland bestimmt ein Musterbeispiel an Toleranz – aber wir können es noch besser! Ich promoviere zurzeit in Großbritannien, und hier stört es keinen, wenn der U-Bahn-Schaffner einen rosa Irokesenschnitt hat, die Richterin ein Kopftuch trägt; in vielen Supermärkten gibt es ganz selbstverständlich Produkte, die koscher und halal sind und der Elternabend heißt "Eltern- und Pflegerabend", weil Familien verdammt noch mal noch nie immer nur aus Vater, Mutter und Kind bestanden haben.

Wann und warum hast Du Dich entschieden, Deinen Glauben auch mit dem Kopftuch auszudrücken?

Ich war damals 20, kam gerade von einem Jahr Freiwilligendienst in Südosteuropa zurück und war kurz davor, von Westdeutschland in den Osten zu ziehen, um mein Studium zu beginnen. Muslimin war ich seit zwei Jahren und in den letzten Monaten war der Wunsch, dem Gebot des Kopftuchtragens nachzukommen, immer größer geworden. Klar hatte ich Bedenken, und es war bestimmt keine einfache Entscheidung, aber letztendlich wurde mir klar, dass ich nie glücklich werden würde, wenn ich aus Angst vor Reaktionen anderer nicht nach meinen Prinzipien leben würde. Einen etwas ausführlicheren Text zu der Frage habe ich letztes Jahr auf meinem Blog veröffentlicht.

Wie waren die Reaktionen aus Deinem Umfeld?

Meine engsten Freunde und die Familie kannten mich gut genug, um zu wissen, dass ich solch eine Entscheidung nur nach wohl durchdachter Überlegung treffen würde. Oder war es mehr das Wissen darum, dass jeder Widerstand zwecklos war, weil diese Frau einfach zu dickköpfig ist, um sich etwas, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte, wieder ausreden zu lassen? An der Uni war ich erstaunt zu sehen, dass das Kopftuch keineswegs nur Nachteile mit sich brachte. Ich musste nur einmal etwas sagen in der Vorlesung und die Leute kannten mich, ich war bekannt wie ein bunter Hund unter Studenten und Professoren und hatte einfach nur eine super Zeit.

Was möchtest Du mit Deinem Blog "gutbetucht" bewirken?

Eine ganze Menge! Erstens möchte ich Muslimen (und Nicht-Muslimen!) zeigen, dass man durchaus "Hijab" tragen und dabei super aussehen und sich toll fühlen kann. Es ist oft nicht einfach, eine Balance zu finden zwischen dem Tragen von "Hijab", so wie man es für korrekt erachtet, und dem Wunsch, trotzdem repräsentabel auszusehen, sich wohl in seiner Haut zu fühlen. Die Wissenschaftlerin in mir will mit dem Blog vielleicht ein kleines bisschen dazu beitragen, Diskurse über Konsum, Mode, Schönheit und "Hijab" in der Mehrheitsgesellschaft, aber auch innerhalb der muslimischen Gemeinde, kritisch zu hinterfragen. Ich bin selbst ein Flohmarkt- und Secondhandshop-Fan und bin immer wieder geschockt, wie viel Geld so mancher Modeblogger für neue Kleider auszugeben scheint. Außerdem will ich unter Muslimen auf das Thema kritischer Konsum und ethische Mode aufmerksam machen. Das ist ein Bereich, den viele Muslime, trotz der sehr klaren Aussagen, die der Islam zu dem Thema macht, leider immer noch vernachlässigen.

Das Interview führte Karola Kallweit.

Stand: Thu Nov 13 08:00:00 CET 2014 Uhr

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