Interview mit Sascha Lobo

Der Berliner Netz-Aktivist Sascha Lobo. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Sascha Lobo über Trolle und Mobbing im Cyberspace

Wir brauchen den "Shitstorm"

Roter Irokesenschnitt, schwarzer Anzug, weißes Hemd. Sascha Lobo ist Blogger, Buchautor und Journalist - und er ist streitbar. Kein Wunder also, dass ihm im Internet nicht nur wohlwollend auf die metaphorische Schulter geklopft wird. Im Interview mit ARD.de spricht der Netz-Experte über seine Erfahrungen mit digitalem Mobbing und verrät, warum Störer und Nervensägen im Cyberspace sogar wünschenswert sind.

ARD.de: Was unterscheidet die Kommunikation im Internet von der Face-to-Face-Kommunikation?

Sascha Lobo: Auf den ersten Blick zeigt sich die Verschiedenheit gar nicht so extrem. Auf den zweiten Blick erkennt man aber, dass hier ganz andere Mechanismen ablaufen. Es gibt interessante Hinweise darauf, dass die Online-Kommunikation sehr schnell den Smiley für sich entdeckt hat, weil dieser Ironie deutlich machen soll. Denn wenn das Gegenüber nicht anwesend ist, versteht man bei bestimmten Formulierungen einfach nicht, wie sie gemeint sein sollen.

Sie haben einmal gesagt, dass ein Aspekt des Trollens die Fortsetzung des Klingelstreichs mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts sei. Aber was bezwecken Trolle eigentlich?

Trollen ist eine soziale Störkommunikation. Genau wie die normale soziale Kommunikation, hat die Störkommunikation ganz unterschiedliche Ebenen, Funktionen und Qualitäten. Es gibt nicht das eine Troll-Moment, von dem alle Trolle angetrieben werden. Vielmehr existieren Grauzonen, bei denen man oft gar nicht mehr unterscheiden kann: Ist das jetzt noch klassisches Trollen oder ist das schon strafbare Hetze?

Was unterscheidet klassisches Trollen von verleumdender Hetze?

Wenn man eine grobe Einordnung treffen will, ist Trollen mit dem Wunsch verbunden, Aufmerksamkeit zu erregen. Dagegen verfolgt Hetze das Ziel, jemanden fertig zu machen und zu vernichten. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn Trollen hat - im Gegensatz zur Hetze - nicht nur negative Seiten.

Oft haben Trolle einen sehr aggressiven Umgangston. Welche positiven Aspekte soll das haben?

Trollen ist nicht immer positiv. Aber es gibt Empörungsstürme, die absolut legitim und auch notwendig sind. Netzöffentlichkeit ist ein Teil der Öffentlichkeit und Empörung in der Öffentlichkeit ist ein wichtiges politisches Instrument: Wenn die Leute sich überhaupt nicht mehr aufregen würden, wenn zum Beispiel in der Regierung alles passieren könnte, ohne dass jemand auch nur kurz mit der Wimper zuckt, wäre das fatal für die Demokratie.

Welche Bereiche sind besonders anfällig für Shitstorms?

Natürlich unterscheiden sich die Anlässe der Empörung stark. Es gibt Gruppen, die empörungsaffin sind und ihrer Wut relativ schnell und intensiv freien Lauf lassen. Zum Beispiel die Gamer der Videospielszene in den Vereinigten Staaten und Kanada - Stichwort Gamergate. Auch Tierfreunde sind manchmal schnell dabei, in Horden über andere herzufallen, die ihre Auffassungen zu Tierrechten nicht teilen. Von der einen Seite sieht ein Empörungssturm manchmal eben wie etwas vollkommen Legitimes aus, während er von außen eher den Charakter einer Hetzjagd hat. Man muss da Einzelfallunterscheidungen machen.

Es scheint, als seien Beleidigungen im Internet an der Tagesordnung. Verschieben sich die Tabugrenzen in der Netzkommunikation?

Tatsächlich verschieben sich diese Grenzen gar nicht so dramatisch wie man annimmt. Der überwiegende Teil der Online-Kommunikation läuft vergleichsweise normal ab. Es gibt aber durchaus Bereiche, in denen Störkommunikation häufig vorkommt: Themen rund um Frauenrechte oder die Berichterstattung über Russland und die Ukraine oder den Nahost-Konflikt. Dort kann das vergleichsweise harmlose Gekabbel von Trollen in einen Empörungssturm umschlagen und bis in eine Hetzjagd münden.

Da kann es schwer sein zu unterscheiden: Sind das jetzt soziale Störer, die nur nerven wollen, oder ist das eine Gruppe, die ein tatsächliches und vielleicht auch sehr legitimes Anliegen hat? Weil diese Empörung im Netz viel sichtbarer ist als am Stammtisch oder zu Hause vor dem Fernseher, gewinnt man den Eindruck, als würden sich da ganz große Dimensionen verschieben. Ich glaube aber, dass die Art und Weise, wie man miteinander umgeht, auch vorher schon so da gewesen ist - durch das Internet wird sie bloß sichtbarer.

Stand: Sat Nov 15 08:00:00 CET 2014 Uhr

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