Interview mit Sascha Lobo - Teil 2

Interview mit Netz-Experte Sascha Lobo

Twitter ist der Nährboden für soziale Dysfunktion

Also gibt es im Netz gar keine zunehmende Verrohung im zwischenmenschlichen Umgang?

Doch, eine solche Verhärtung kann man wahrnehmen. Denn durch die größere Sichtbarkeit und Auffindbarkeit im Netz gibt es Aufschaukelungseffekte. Und dazu kommen andere Aspekte, die soziologisch noch nicht richtig erforscht sind: Die starke Verkürzung auf Twitter - dort hat man für einen Tweet nur 140 Zeichen zur Verfügung - macht es sehr schwierig, substanziell zu diskutieren. Dadurch können sich Fronten sehr leicht verhärten.

Gerade vor einigen Wochen ist in einem amerikanischen Blog ein Artikel erschienen, der relativ klug seziert, dass Twitter eine Art Nährboden für eine soziale Dysfunktion ist. Denn dort driftet wirklich jede Diskussion ins Schwarz-Weiße ab - einfach durch die Kürze. Ich würde gerne sehen, dass sich die Sozialwissenschaften mit diesem Phänomen beschäftigen.

Sie selbst werden im Netz immer wieder mit anfeindenden und hämischen Kommentaren bedacht.

Ich war häufiger Zielscheibe von üblen Beschimpfungen. Weil ich aber immer eine kontroverse Figur war, wurde in den allermeisten Fällen die Grenze zum Cybermobbing nicht überschritten. Da gab es zwar Empörungswellen, die manchmal einen wahren Kern hatten und die mir zeitweise auch zu schaffen gemacht haben. Aber ich glaube, dass mir das einfach früher passiert ist als anderen. Was wir heute an Cybermobbing sehen, geht deutlich über das hinaus, was ich jemals erlebt habe.

Was raten Sie Opfern von Cybermobbing?

Wenn eine bestimmte, bedrohliche Grenze überschritten ist, würde ich sofort dazu raten, die Polizei einzuschalten. Leider sind Polizei und Staatsanwälte noch nicht ausreichend für Cybermobbing sensibilisiert. Theoretisch gäbe es in vielen Fällen gesetzliche Möglichkeiten, praktisch kommen die aber nicht zur Anwendung. Stattdessen müssen sich Opfer immer wieder anhören: "Na, dann gehen Sie halt nicht ins Internet und melden Sie sich von Facebook ab!"

Das Motto der Themenwoche ist in diesem Jahr "Toleranz". Macht uns das Internet toleranter oder intoleranter?

Ich fürchte, hier muss ich mit einer halb-salomonischen Antwort kommen. Irgendjemand hat mal gesagt: "Fernsehen macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer." Ähnlich kann man das mit dem Netz und der Toleranz sehen: Die ohnehin eher Intoleranten werden in ihrer Intoleranz noch bestärkt. Diejenigen, die den Sinn der Toleranz schon vorher gesehen haben, werden noch stärker merken, warum Toleranz ein so wahnsinnig wichtiger zwischenmenschlicher Wert ist, ohne den die Gesellschaft eigentlich gar nicht funktionieren kann.

Das Interview führte Anja Scherer.

Stand: 15.11.2014, 13.00 Uhr

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