Interview mit Torsten Rohde

Thorsten Rohde (rechts) und seine Figur Renate Bergmann. | Bildquelle: Thorsten Rohde/ Montage: ARD

Torsten Rohde, Erfinder der twitternden Oma

"Toleranz ist heute schick, aber nicht ernsthaft"

Torsten Rohde ist der Erfinder der Kult-Oma Renate Bergmann. Unter diesem Pseudonym schreibt er bei Twitter und erreicht über 24.000 Follower. Im Interview verrät er, warum manche Menschen nur vorgeben tolerant zu sein.

ARD.de: Was ist für Sie Toleranz?

Renate Bergmann: Tolerant sein heißt, den anderen akzeptieren wie er ist - nicht wie man ihn gern hätte. Ich halte es mit dem alten Fritz: "Jeder nach seiner Façon", solange es im Rahmen von Anstand und Vernunft bleibt, nicht?

Bei welcher Gelegenheit haben Sie sich zum letzten Mal tolerant gezeigt?

Meine Nachbarin lebt in wilder Ehe, mein Enkel ist schwul und meine Freundin Gertrud schummelt beim Rommee, aber keiner tut irgend jemandem weh, und jeder versucht glücklich zu werden - auf seine Art. Da hat dann doch wohl niemand das Recht, was dagegen zu sagen.

Wann waren Sie das letzte Mal intolerant?

Als Ilse auch noch schummeln wollte beim Rommee. Nee, also es reicht ja wohl, wenn Gertrud uns beschupst. Da bin ich laut geworden und habe gesagt, sie solle das nicht wagen. Wenn zwei schummeln, macht es keinen Spaß!

Kann man Toleranz lernen?

Man muss es sogar lernen. Je besser wir einander kennenlernen, desto besser verstehen wir einander und desto eher tolerieren wir auch Fehler und Schwächen. Werte wie Anstand, Respekt und Solidarität begreift man am besten, wenn man sie erlebt.

Wo fehlt es in unserer Gesellschaft besonders an Toleranz?

Toleranz ist schick, das wissen die meisten und geben vor, tolerant zu sein. Aber viele Menschen sind nur so lange tolerant, wie sie nichts Neues oder Unbekanntes tolerieren müssen. Sobald es für sie unbequem wird, ist oft Schluss mit der Toleranz. Da fehlt es an an der Ernsthaftigkeit.

Woher die Lust am Twittern als ältere Dame Renate Bergmann?

Das begann als Spaß, um einen Freund ein bisschen zu veralbern, und fand dann sehr schnell eine große Anhängerschaft. Mittlerweile hat sich Renate verselbständigt und ist mein Kanal, um Erinnerungen an eigene Omas und Beobachtungen aus dem Alltag zu verarbeiten und ihnen eine Bühne zu geben.

Wie geht unsere Gesellschaft ihrer Meinung nach mit älteren Menschen um und umgekehrt: Wie sieht Renate Bergmann die jüngeren Generationen?

Bei der Recherche für mein Buch habe ich mit vielen älteren Menschen gesprochen und war erschrocken, wie vereinsamt ein Großteil ist. Um so erstaunter war ich, wie wenig Anstoß es braucht, diese Vereinsamung aufzubrechen. Oft reicht schon ein Wort, ein Lächeln, ein Zeichen des Aufeinanderzugehens, um miteinander zu reden und ältere Menschen zu reaktivieren. Sie haben viel zu erzählen. Unsere Gesellschaft schrumpft und wird gleichzeitig immer älter. Wir sollten den Alten zuhören und ihre Erfahrung nutzen. Opa erzählt oft nicht nur vom Krieg, sondern hat auch Nützliches zu berichten.

Das Interview führte Karola Kallweit.

Stand: 15.11.2014, 08.00 Uhr

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