Jörg Böckem: "Der Preis für Drogen-Glücksmomente ist unverhältnismäßig hoch"

Jörg Böckem. | Bildquelle: Fabian Hammerl

Jörg Böckem, Ex-Junkie und Journalist

"Der Preis für Drogen-Glücksmomente ist unverhältnismäßig hoch"

Zwei Jahrzehnte lang führte Jörg Böckem ein nach außen hin bürgerliches Leben. Er arbeitete als Journalist für "Die Zeit" und den "Spiegel", verheimlichte dabei allerdings seine schwere Heroinabhängigkeit, an der er fast gestorben wäre. ARD.de wollte von ihm wissen, wie sich das "normale Glück" vom "Drogenglück" unterscheidet.

 

ARD.de: Was bedeutet für Sie "Glück"?

Jörg Böckem: Schwer zu sagen. Sechs Richtige im Lotto? Einen schweren Autounfall ohne größere Verletzungen zu überleben? Als Freiberufler jeden Monat meine Rechnungen zahlen zu können? Die - weitgehende - Abwesenheit von Schmerz, Angst und Verzweiflung? Wenn eine Woche, ein Monat, ein Jahr unter dem Strich mehr angenehme als unangenehme Tage hat? Wahrscheinlich alles davon. Wenn ich mein Leben betrachte, spielen eher die letzteren Beispiele eine Rolle, obwohl ich auch gegen einen Sechser im Lotto nichts einzuwenden hätte. Da ich nicht Lotto spiele, sind die Chancen dafür allerdings sehr gering. Darüber hinaus denke ich, dass "Glück" ein ziemlich großes Wort ist, hinter dem sich oft kurze, von außen betrachtet auch eher unspektakuläre Momente verbergen: Zweisamkeit, Intimität, ein gelungener Satz, ein gelungener Text, ein Abend mit Freunden, ein Tischfußballspiel, bei dem der Ball genau das tut, was ich will, ein windiger, grauer Herbsttag.

 

Bei welcher Gelegenheit waren Sie das letzte Mal glücklich?

Sonntag früh, als ich ausgeschlafen neben meiner Freundin wachgeworden bin, in Erwartung eines ausgedehnten Frühstücks und eines gemeinsamen Tages ohne Verpflichtungen.

 

Wann ist Ihnen ein "großes Glück" begegnet, und wie hat dieses Ereignis Ihr weiteres Leben geprägt?

Ich habe in meinem Leben häufig Glück gehabt, im Großen und im Kleinen, und ich hatte vor allem das Glück, an verschiedenen Punkten meines Lebens die Hilfe zu finden, die ich dringend brauchte, von Freunden, meiner Familie und nicht zuletzt von Therapeuten. Ohne dieses Glück und ohne diese Unterstützung wäre ich wohl nicht mehr am Leben. Mit Sicherheit würde ich mir jetzt keine Gedanken über Glück machen.

Oft hatte ich Glück im Unglück: Das Glück, dass eine Freundin mich nach einer Überdosis wiederbelebt hat; das Glück, keine schweren Unfälle mit Personenschaden verschuldet zu haben, obwohl ich Dutzende Male unter Drogeneinfluss hinter dem Steuer eingeschlafen bin; das Glück, dass mein Vorgesetzter beim "Spiegel" mich weiter dort arbeiten ließ, obwohl er von meiner Sucht wusste; das Glück, dass die Therapie meiner Hepatitis-C-Infektion erfolgreich war, trotz mäßiger Heilungschancen. Vor allem aber das Glück, Menschen begegnet zu sein, die mir das Gefühl gaben, dass mein Leben lebenswert ist.

 

Haben Sie einen Trick, um sich einen Glücksmoment zu verschaffen?

Eher nicht. Den einen Trick, der immer funtioniert, gibt es meiner Ansicht nach nicht. Zumindest nicht für mich. Ich denke, es ist eher eine Frage der Haltung und der Wahrnehmung - ein Gespür dafür zu entwickeln, was mir gut tut und was nicht, offen zu sein für die kleinen Glücksmomente, zu wissen, in welchen Situationen ich unzufrieden oder unglücklich bin und Strategien zu enwickeln, mit diesem Unglück umzugehen, wenn ich es nicht vermeiden kann. Oder es auszuhalten, weil ich weiß, dass es vergeht. Weil ich weiß, dass ich dafür sorgen kann, dass es vergeht. Das ist für mich die zentrale Erfahrung meiner Suchtgeschichte: Egal wie dreckig es mir geht, ich habe es in der Hand, mein Leben zu ändern. Ich kann dafür sorgen, dass es mir wieder gut geht.

 

War es die unerfüllte Suche nach Glück, die Sie als Jugendlicher dazu bewogen hat, Heroin zu spritzen?

Nein, gar nicht. Eher im Gegenteil: Ich habe nicht nach "Glück" gesucht, das wäre mir zu abstrakt erschienen. Was ich als Jugendlicher gesucht habe, war Aufregung, Leidenschafft, Genuss, Exzess; ich sehnte mich nach intensiven Momenten, nach Verschmelzung und Auflösung, nach Grenzerfahrungen. Und all das habe ich gefunden, auch im Drogenrausch, zumindest anfangs. Aber nicht nur da - Liebe, Sex, Freundschaften, Schreiben, Lesen, Musik, Aufbegehren, Protest - all das hat mir intensive Augenblicke beschert. Meine Jugend war in keiner Weise unerfüllt oder unglücklich, ich habe diese Lebensphase sehr genossen. Das Unglück kam erst, als die Sucht mein Leben bestimmte und alles andere überschattete.

 

Wie unterscheidet sich das "normale Glück" vom "Drogen-Glück"?

Meiner Meinung nach ist da zunächst einmal sehr viel verbindendes, wenn man eine bestimmte Form des "Glücks", den rauschhaften Moment, in dem ich ganz im Augenblick, ganz bei mir bin, betrachtet. Nicht zufällig wird der Kick, der bei intravenösem Heroin- und/oder Kokainkonsum entsteht, mit einem Orgasmus verglichen. In meiner Autobiografie "Lass mich die Nacht überleben - Mein Leben als Journalist und Junkie" habe ich es so beschrieben:

Der große Unterschied - und die große Gefahr - liegt in der Verfügbarkeit: Drogen bieten die Möglichkeit, diesen Zustand zu jeder Zeit, sozusagen auf Knopfdruck, herzustellen, losgelöst von äußeren Umständen und anderen Menschen, etwas, was im Leben sonst nur sehr selten möglich ist. Das kann dazu führen, dass das Leben statisch, passiv wird. Auch darin liegt ein Risiko für das Entstehen von Sucht. Der Preis, den wir für diese Glücksmomente zahlen, kann schnell unverhältnismäßig hoch werden. Es führt zudem dazu, dass sich der Rausch schnell abnutzen und schal werden kann. Bei hochfrequentem Langzeitkonsum kann von Glücksmomenten keine Rede mehr sein: Am Ende besteht das einzige "Glück", das der Heroinkonsum noch bietet, darin, Entzugsschmerzen zu beseitigen.

 

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie auch ohne Drogen glücklich sein können ?

Buchcover: "Lass mich die Nacht überleben. Mein Leben als Journalist und Junkie". | Bildquelle: Epubli-Verlag

Das wusste ich schon immer. Drogen waren für mich anfangs nur ein Mittel unter vielen, mit denen ich den ersehnten Zustand erreichen konnte. Sie waren unter anderem eine Art Gefühlsverstärker, mit dem ich versucht habe, rauschhafte - von mir aus auch glückliche - Momente zu verlängern oder zu intensivieren. Schon früh habe ich glückliche Momente in der Intimität, beim Sex, beim Schreiben, beim Kickern mit Freunden, beim Sport oder während eines Konzerts erlebt. In solchen Momenten Glück zu empfinden, musste ich allerdings nach jeder Therapie wieder neu lernen. Sucht vereinnahmt völlig, lässt keinen Raum für glückliche Momente. Das einzige "Glück", das Heroin einem Junkie am Ende noch beschert, ist die Abwesenheit von Entzugssymptomen, von Schmerz, Angst und Verzweiflung.

Heroin war für mich am Ende eine Art Medizin: Ein hochwirksames Schmerzmittel, Heroin beseitigt Einsamkeit, Verlust-, Versagens- und Zukunftsangst, Überforderung und Frustration genauso zuverlässig wie Kopf- oder Zahnschmerzen. Heroin half mir, Zustände zu ertragen, die ich meinte ohne dieses Medikament nicht aushalten oder bewältigen zu können. Glücklich hat es mich da schon lange nicht mehr gemacht. Heute empfinde ich es als großes Glück, ohne dieses Medikament zu leben.

 

Das Interview führte Ingo Fischer

Stand: Mon Oct 21 13:25:00 CEST 2013 Uhr

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