Johannes Kneifel: Vom Neonazi zum Pastor

Johannes Kneifel - einst Neonazi, heute Pastor

"Gott hat mir das Weinen wieder geschenkt"

Johannes Kneifel war Neonazi, saß wegen Körperverletzung mit Todesfolge fünf Jahre im Gefängnis - und ist heute Pastor. Im Interview erzählt er, was ihm bei Glaubenszweifeln hilft und warum Wasser für ihn eine große Bedeutung hat.

Herr Kneifel, woran glauben Sie?

Johannes Kneifel: An die Person Gottes. Ich glaube vor allem an den Gott, den die Christen im Glaubensbekenntnis bekennen. Vater, Sohn und Heiliger Geist. 

Wie sind Sie zu Ihrem Glauben gekommen - und wann?

Zunächst einmal entwickelt sich Glaube natürlich. Gott wirklich kennengelernt habe ich 2003 im Gefängnis in Hameln. Zunächst haben mir Christen, die ehrenamtlich ins Gefängnis kamen oder dort als Seelsorger arbeiteten, durch ihre Zuwendung Gottes Wesen nahegebracht. Schließlich habe ich in einem Gefängnisgottesdienst gemerkt, dass nicht nur über Gott geredet wird, sondern Gott selbst da ist und zu mir spricht.


Zur Person

1999 verletzt der 17-jährige Johannes Kneifel einen Mann mit Fausthieben so schwer, dass dieser stirbt. Kneifel gehört damals der Neonazi-Szene an, konsumiert viel Alkohol und besitzt wenig Perspektive. Wegen Körperverletzung mit Todesfolge wird er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Dort findet er den Weg zum christlichen Glauben und beginnt nach der Haft ein Theologiestudium. Heute lebt Johannes Kneifel als Pastor in Bayern. Seine Lebensgeschichte hat er in seinem Buch "Vom Saulus zum Paulus" niedergeschrieben.

Welche Rolle spielt Ihr Glaube - im Alltag, im Leben, im Beruf?

Mein Glaube spielt eine sehr große Rolle in meinem Leben. Ich versuche jeden Tag mit Gott zu leben, meine Werte an Gottes Werten zu orientieren, meine Entscheidungen so zu treffen, dass ich sie vor Gott verantworten kann. Manchmal merke ich auch, dass Gott eine Richtung vorgibt und Gehorsam von mir einfordert. Von daher besteht mein Leben ständig darin, meine Beziehung zu Gott zu gestalten. 

Welche Reaktionen bekommen Sie von Menschen?

Ich lebe meinen Glauben natürlich nicht nur individuell, sondern in der Gemeinschaft mit anderen Christen. Daher ist mein Glaube etwas, was mich mit anderen Menschen verbindet. Viele Menschen, die nicht an Gott glauben, sind immer wieder erstaunt, wenn sie merken, dass durch Gott in meinem Leben eine positive Veränderung eingetreten ist, die ziemlich beachtlich ist.

In welchen Momenten zweifeln Sie an Ihrem Glauben oder hadern mit ihm?

Natürlich macht mein Glaube auch Krisen durch und ich erlebe Dinge, die ich lieber nicht erleben würde. Doch auch da hilft mir mein Glaube, da ich sehe, dass es mir nicht anders geht als anderen Menschen. Außerdem bin ich sehr dankbar, für die Tradition, in der ich leben darf. Zum Beispiel für die Geschichten der Bibel, in denen Menschen ihre schmerzhaften Momente verarbeitet haben. Das hilft mir, mit meinem Leid zu Gott zu kommen und das Vertrauen aufrecht zu halten, dass Gott es gut meint - auch wenn es von außen nicht danach aussieht. 

Erzählen Sie uns von einem besonderen Glaubenserlebnis!

Ein besonderes Glaubenserlebnis war für mich meine Taufe. Da ich erst als Erwachsener gläubig geworden bin, habe ich die ganz bewusst miterleben dürfen. Das war für mich deshalb ein sehr intensiver Moment, vor allem weil auf der emotionalen Ebene mehr passiert ist, als ich erwartet hätte. Ausgerechnet im Taufgottesdienst, wo Wasser ja eine sehr große Rolle spielt, habe ich zum ersten Mal nach langer, langer Zeit angefangen zu weinen. Dabei habe ich gemerkt, dass Gott mir auch auf der Gefühlsebene Dinge wie das Weinen wieder schenkt, die lange Zeit kaputt waren.

Das Interview führte Martin Walter

Stand: Fri Jun 09 18:22:19 CEST 2017 Uhr

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