Jonathan Meese: "Kunst ist Glück, Glück ist Kunst"

Jonathan Meese mit Pickelhaube. | Bildquelle: Jan Bauer

Jonathan Meese, Künstler

"Für Meese liegt das größte Glück darin, die Realität nicht bedienen zu müssen"

Jonathan Meese zählt zu den bedeutendsten Künstlern Deutschlands und genießt international hohes Ansehen. ARD.de hat er verraten, was ihm außer alte Raumschiff-Enterprise-Folgen gucken noch Glücksmomente verschafft. Und weshalb er in der "Diktatur der Kunst" das vollkommene Glück sieht.

 

ARD.de: Was bedeutet für Sie "Glück"?

Jonathan Meese: Das totalste Glück ist natürlich Kunst, also das evolutionärste Spiel: Diktatur der Kunst. Wenn Meese malt, zeichnet, Skulpturen ordnet, schreibt oder performt herrscht totalstes Glück, das ist klar wie Kloßbrühe. Meese ist unendlich glücklich, wenn er mit seinen liebsten Menschen, Objekten und Elementen Zeit verbringen darf. Am glücklichsten ist Meese, wenn er sich vollends der Kunst ausliefert, anvertraut, aussetzt und unterordnet. Meese sieht das Menschheitsglück nur in der Ideologielosigkeit der Kunst verwirklichbar, Totalstglück der Evolution ist nämlich Neutralität. Glück ist immer versachlichte Führung. Für Meese liegt das größte Glück darin, die Realität nicht bedienen zu müssen.

 

Bei welcher Gelegenheit waren Sie das letzte Mal glücklich?

Meese war heute Morgen, also am 30.10.2013, bei dem Gedanken an die Rückkehr seiner Mutter von einer längeren Reise sehr, sehr, sehr glücklich. Meese war glücklich, früh am Tag eine Tasse Kaffee zu trinken und in die Badewanne zu steigen. Das Glück beginnt an jedem Tag neu, das Glück ist ein instinktiver Zustand, nichts Kreatives. Glück ist kein Ergebnis von Arroganz, Hochmut, Geld oder der grauenhaften Wichtigtuerei Mensch. Glück vollzieht sich als Schubkraft der Evolutionen, Glück brüllt immer: "Mach weiter, leg los, diene und grenze Dich von Allem ab, was nicht Kunst ist." Glück schreit: "Vitalisiere!"

 

Wann ist Ihnen ein "großes Glück" begegnet, und wie hat dieses Ereignis Ihr weiteres Leben geprägt?

Meese ist unendlich dankbar für die Ultrapflicht "Kunst", die sich an Meese professionellst spätestens ab seinem 22. Lebensjahr abspielt und seitdem vollends das Spiel bestimmt. Bis zum 22. Lebensjahr hat Meese das Totalstglück gehabt, von seiner Mutter behütet, spielerischst, liebevollst, isoliertest und realitätsabweisend aufwachsen zu dürfen. Meese war der Jüngste und hatte das Glück, nur dem Druck der Kunst ausgesetzt zu werden, ohne es zu wissen. Das größte Glück des Meese sind die Freunde und Lieben, die geblieben sind. Glück ist Schlagkraft, also das Schwungrad der Lust, Alle und Alles zu entideologisieren. Gegenwind, Widerstand und Haltung zu erzeugen und auszuhalten, macht Meese am glücklichsten. Durchhaltevermögen ist das große Instrument des Glücks. Dinge auszuhalten, schwere Phasen zu durchlaufen ohne einzuknicken, kein Fähnchen im Winde sein, ein Fels in der Brandung sein zu dürfen und Dinge durchzusetzen bringt das ultimativste, radikalste und andauerndste Glück. Herausfordern und Angreifen macht glücklich.

 

Raumschiff-Enterprise-Crew. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Haben Sie einen Trick, um sich einen Glücksmoment zu verschaffen?

Glücksmomente sind immer hermetische, also metabolische Zustände. Meese hat unendlich viele Tricks zum Glück - zum Beispiel Schlafen, Essen, Trinken, Lesen, Verdauen, Zug fahren. Clockwork Orange, Zardoz oder Raumschiff Enterprise  - die alten Folgen - gucken, bringt immer Glück. Meese entspannt am glücklichsten, wenn er das tut, was er immer tut, möglichst wenig Selbstverwirklichung erleben, also dienen. Glück kommt immer auf, wenn man sich mit totalster Hingabe der Sache Kunst aussetzt und ohne Zynismus spielt. Glück ist ein Lockstoff, Glück ist notwendigster Austausch von Druckverhältnissen, deshalb lebe nach Dienstplan. Keine Zeit für Nicht-Kunst zu haben, ist Glück und Kunst. Glück braucht den Glücksgriff, also die Bewegung nach vorne.

 

Wie ist Glück in der Kunst darstellbar?

Kunst ist Glück, Glück ist Kunst. Künstler müssen kompromisslos für die Kunst gerade-, also strammstehen. Künstler dürfen sich auf gar keinen Fall der Kunst in den Weg stellen. Kunst spendet nur evolutionärstes Glück, wenn Kunst als Distanzschaffungsmaßnahme gegenüber Nicht-Kunst anerkannt und praktiziert wird. Glücklos ist der Künstler immer dann, wenn er rückgratlos, ohne Haltung, ideologieverseucht und als mickrigstes Fähnchen im Wind die Zukunft zu seinen Gunsten erpressen will, igitt. Der Künstler, der sein Ich zum Maß aller Dinge macht, ist das totale Unglück, igitt. Jede Form von Ideologie ist das Unglücklichste und Traurigste.

 

Auf die Frage, was für sie das vollkommene Glück ist, haben Sie einmal geantwortet: "Diktatur der Kunst." Bitte begründen Sie, warum Sie ausgerechnet in einer Diktatur das vollkommene Glück sehen.

Jonathan Meese. | Bildquelle: Jan Bauer

Evolution diktiert das Leben, Alles was lebensnotwendig ist, ist diktatorisch, wie zum Beispiel Schlaf, Liebe, Freundschaft, Geburt, Mutter oder die Sonne. Versachlichte Führung ist super, die Menschendiktaturen sind widerlich. Politische Menschenmacht ist Unglück, Ideologie ist zukunftsunfähig; versachlichte Diktatur, wie die Natur, ist toll und nicht wegzudiskutieren. Alles, was "Erzglück" bringt, ist unwählbar. Wenn man müde ist, also die "Diktatur Schlaf" einen befällt und man schläft, ist neutralstes Erzglück anwesend. Die Diktatur der Kunst ist die versachlichteste Führung also die Summe aller Evolutionen, also die natürlichste Diktatur, ist doch super. In der Natur, in der Erzzeit, in der Zukunft und in der Kunstherrschaft ist nichts ideologisch. Gegenwelt, Antirealität, Traum und Erzland ist Glück, Glück, Glück.

 

Das Interview führte Ingo Fischer

Stand: Wed Oct 30 19:18:00 CET 2013 Uhr

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