Karl Kardinal Lehmann: "Ich habe nicht das große Glück gesucht"

Karl Kardinal Lehmann lächelt. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Karl Kardinal Lehmann

"Ich habe nicht das große Glück gesucht"

Brauchen wir Gott, um glücklich zu sein? Das wollte ARD.de vom Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann wissen, der sich in seinem im Jahr 2006 erschienenen Buch "Von der besonderen Kunst glücklich zu sein" mit Fragen des Glücks befasst hat. Anfang Oktober hat der Sympathieträger der katholischen Kirche sein 50-jähriges Priester- und 30-jähriges Bischofsjubiläum gefeiert.

 

ARD.de: Was bedeutet für Sie "Glück"?

Karl Kardinal Lehmann: Wenn schon der heilige Augustinus für die Antike 288 Antworten auf unsere Frage beschreibt und Google sowie Wikipedia dies noch unendlich vermehren, ist es kein Wunder, dass es keine einfache Bestimmung von Glück gibt. Ich unterscheide das kleine Glück, das man nicht madig machen soll, wie etwa ein froher Abend mit lieben Menschen. Und die große Sehnsucht hinter allem Glück, dass man eine Erfüllung der großen Wünsche des Menschen findet, die alles in sich einbegreift und uns nicht genommen werden kann. In diesem Sinne hat Glück auch etwas mit immerwährender Seligkeit zu tun.

 

Bei welcher Gelegenheit waren Sie das letzte Mal glücklich?

Ich habe mich über eine völlige Übereinstimmung mit den Ansichten eines wichtigen Partners über schwierige Fragen gefreut.

 

Wann ist Ihnen in Ihrem Leben ein "großes Glück" begegnet, und wie hat sich dadurch Ihr Leben verändert?

Ich habe eigentlich nicht nach dem "großen Glück" gesucht, sondern habe mich an den vielen oft unerwarteten Glücksfällen in meinem Leben gefreut. Angefangen vom Geschenk, dass ich wunderbare Eltern hatte, über geistige Entdeckungen im Studium - zum Beispiel wirklich neue Einsichten bei schwierigen Problemen - und auch die Erhellung meines Lebens durch meinen Glauben.

 

Haben Sie einen Trick, um sich einen Glücksmoment zu verschaffen?

Nein, einen solchen "Trick" habe ich nicht. Nach meiner festen Überzeugung gibt es ihn auch grundsätzlich nicht. Gleichwohl gehören immer zwei Elemente zu so etwas wie "Glück": Wir stellen das Glück nicht einfach von uns aus und von außen her, wie man etwas produziert; aber wir sind immer auch irgendwie am Zustandekommen des Glücks beteiligt. Die Sprichwörter sagen es gut: Jeder ist seines Glückes Schmied, aber das Glück ist immer auch launisch und narrt uns, einer hat mehr Glück als Verstand. Die Unverfügbarkeit und das Beteiligtsein machen in ihrem undurchschaubaren Zusammenspiel das Rätsel des Glücks aus.

 

Cover Karl Kardinal Lehmann: "Von der besonderen Kunst glücklich zu sein". | Bildquelle: Herder-Verlag

Wie sehr brauchen wir Gott, um glücklich zu sein oder zu werden?

Man darf nicht alles direkt und nur von Gott erwarten. Es gibt das kleine Glück, es sind kleine Oasen im Alltag unseres Lebens: in der Arbeit, im Spiel, beim Essen und Trinken, im Gehen und Sehen, in der Liebe. Aber im Grunde unseres Herzens streben wir nach alter Überzeugung vieler Denker danach, dass einmal alles gut sein wird und uns kein Kummer und keine Not mehr bedrängen. Dies erreichen wir in dieser Zeit und während unseres irdischen Lebens nicht. Es handelt sich um eine unaufhörliche Seligkeit, die wirklich dadurch etwas mit Gott selbst zu tun hat. Aber deswegen darf man das kleine Glück, das wir immer wieder erreichen und erfahren dürfen, nicht herabwürdigen oder gar schlecht machen, weil es endlich und begrenzt ist.

 

 

Das Interview führte Ingo Fischer

Stand: Fri Oct 11 16:40:00 CEST 2013 Uhr

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