Interview mit der buddhistischen Nonne Kelsang Gyalten

Kelsang Gyalten. | Bildquelle: Kelsang Gyalten

Kelsang Gyalten - buddhistische Nonne

"Ich versuche friedlich und positiv zu bleiben, was auch immer geschieht"

Kelsang Gyalten ist buddhistische Nonne. Im Interview verrät sie, welche Erfahrung ihr Leben verändert hat, warum positives Denken beim geistigen Wachstum hilft und wie ihre Mitmenschen auf ihr besonderes Aussehen reagieren.

Frau Kelsang Gyalten, woran glauben Sie?

Kelsang Gyalten: Ich glaube, dass jeder das Potenzial hat, durch Schulung in Meditation die eigenen Probleme und Schwierigkeiten nach und nach zu vermindern und schließlich tiefen inneren Frieden und reines anhaltendes Glück zu erfahren. Als Buddhistin verlasse ich mich auf Buddha und seine Anleitungen und auf Sangha, die Gemeinschaft reiner spiritueller Praktizierender, um zu dieser besonderen friedvollen Erfahrung im Herzen zu finden, einer Erfahrung des Dharma, die direkt vor Leiden schützt.


Zur Person

Ein "Working Visit" in einem buddhistischen Zentrum in England hat Kelsang Gyalten zum Buddhismus gebracht, den sie seit 14 Jahren praktiziert. Aktuell ist sie Nonne und Zentrumslehrerin am Kadampa-Meditationszentrum Frankfurt, wo sie ihre Erfahrungen aus Studium, Praxis und Retreat weitergibt.

Wie sind Sie zu Ihrem Glauben gekommen – und wann?

Ich bin 2003 bei einem Working Visit am Tara Zentrum in Mittelengland dem Kadampa Buddhismus begegnet. Ich wollte für ein paar Wochen raus aus meinem damals recht kopflastigen Alltag, um körperlich zu arbeiten und innerlich zur Ruhe zu kommen - ein Aufenthalt in einem buddhistischen Zentrum schien mir diese Gelegenheit zu bieten. Und es war tatsächlich eine sehr inspirierende und lebensverändernde Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin.

Welche Rolle spielt Ihr Glaube - im Alltag, im Leben, im Beruf?

Mein Glauben, meine Schulung in Meditation hilft mir im Alltag sehr. Ich bemühe mich das, was ich in der Meditation erkannt habe, den inneren Frieden, den ich erfahren habe, nicht ganz zu verlieren, sondern möglichst friedlich und positiv zu bleiben, was auch immer geschieht. Ich versuche, die Herausforderungen des Alltags zu nutzen, um mein Verständnis zu vertiefen - zum Beispiel um zu erkennen, dass mein eigentliches Problem nicht eine bestimmte Situation ist, sondern meine Wahrnehmung von ihr, meine negative Reaktion. Wenn ich es schaffe, in einer schwierigen Situation positiv zu bleiben, dann belastet sie mich viel weniger und ich kann vielleicht sogar an ihr wachsen.

Kelsang Gyalten im Gespräch. | Bildquelle: Kelsang Gyalten

Welche Reaktionen bekommen Sie von Menschen?

Die meisten reagieren sehr positiv - das Interesse an Meditation, an einem inneren, spirituellen Weg, an Buddhismus ist sehr groß. Auf der Straße falle ich schon ein wenig auf, Kinder schauen mich oft mit großen Augen an, wohl wegen der kurzen Haare und der Robe.

In welchen Momenten zweifeln Sie an Ihrem Glauben oder hadern mit ihm?

Glauben oder Vertrauen ist für mich eine ständige Auseinandersetzung, ein ständiger Wachstumsprozess. Ich habe schon immer viel gefragt, viel verstehen wollen und ich schätze am Modernen Buddhismus, dass Fragen, Diskussion und Studium einen sehr hohen Stellenwert haben. Es heißt "ein guter Schüler hat viele Fragen". Inzwischen weiß ich auch, dass Geduld und freudvolles Bemühen notwendig sind, da Verständnis oft erst durch die eigene Praxis entsteht. Moderner Buddhismus ist sehr wissenschaftlich, Vertrauen entwickelt sich ganz natürlich mit der Zeit - aus logischer Begründung und persönlicher Erfahrung.

Erzählen Sie uns von einem besonderen Glaubenserlebnis!

Glaubenserlebnisse sind recht schwer in Worte zu fassen, aber meine schönsten Erfahrungen hatte ich oft während oder nach einem meiner Schweigeretreats in Tharpaland. Sie waren geprägt von einem Gefühl der Stimmigkeit, der Verbundenheit, dass alles irgendwie an seinem Platz ist, so wie es sein soll.  

Das Interview führte Martin Walter

Stand: Fri Jun 09 14:53:53 CEST 2017 Uhr

Trailer zur Themenwoche 2017: Woran glaubst du?. | Bildquelle: MDR Video

Glaube hat viele Gesichter

Blog zur Themenwoche: "Woran glaubst Du?"

Darstellung: