Khadra Sufi: "Für mich ist es ein Glück, an einer roten Fußgängerampel warten zu dürfen"

Khadra Sufi. | Bildquelle: Carlos Anthonyo

Khadra Sufi, Autorin mit bewegter Vergangenheit

"Für mich ist es ein Glück, an einer Fußgängerampel warten zu dürfen"

Khadra Sufi führte zunächst ein Leben als privilegierte Diplomatentochter in Berlin, ehe sie alles verlor, aus ihrer Heimat Somalia flüchten musste und als völlig mittellose Asylantin nach Deutschland zurückkehrte. Ihr Buch "Das Mädchen, das nicht weinen durfte" über die Schrecken ihrer Kindheit und den langen Weg zurück in ein glückliches Leben wurde ein Bestseller. Mit ARD.de hat sie darüber gesprochen, wie sich ihre Ansichten über Glück angesichts der vielen Aufs und Abs in ihrem Leben geändert haben.

 

ARD.de: Was bedeutet für Sie "Glück"?

Khadra Sufi: Glück ist für mich etwas ganz Wunderbares. Auch wenn es nicht immer klappt, versuche ich jeden Tag, etwas zu finden, woran ich mich erfreue und worüber ich glücklich sein kann. Mich macht es etwa total glücklich, dass ich mit meinem Projekt "Mission Possible" der Uno-Flüchtlingshilfe jedes Mal den Schülern unglaublich viel geben kann - ihnen Mut machen kann, dass es eigentlich keine Situation im Leben gibt, aus der es keinen Ausweg gibt. Wenn es mal nicht weiter geht, einfach kurz innehalten und vielleicht mal nach rechts oder links schauen, es wird sich jedes Mal ein neuer Weg eröffnen, der einen weiter vorwärts bringt.

Ich bin unheimlich stolz darauf, dass die Schüler nach unserem Vortrag meistens mitnehmen, dass es weiter gehen wird, selbst wenn man zum Beispiel ein Schuljahr wiederholen muss. Die Situation ist nicht aussichtslos, sie lässt einen stärker werden und wachsen.

 

Bei welcher Gelegenheit waren Sie das letzte Mal glücklich?

Ich glaube, als ich heute morgen in meiner Wohnung in Hamburg, nach einigen Tagen Reiserei, wach geworden bin. Da denke ich doch sehr oft, wie schön es ist, einfach im eigenen Bett wach zu werden - in einer ordentlichen Wohnung. Zu wissen, das ist mein Reich und niemand kann mich hier stören, wenn ich es nicht will.

Und - Sie werden vielleicht lachen - ein kleines Glück empfinde ich jedes Mal, wenn ich als Fußgänger an einer roten Ampel stehen bleiben und warten muss, selbst wenn die Straße eigentlich frei ist. Weil mir dann bewusst wird, dass ich in einem Land lebe, in dem es feste Regeln gibt. In meiner Kindheit in Somalia hatten wir keine Fußgängerampeln. Als wir auf der Flucht waren und über eine Straße gehen wollten, hatte ich jedes mal Angst, dass mich ein Heckenschütze einfach abknallt - erst durch solche Situationen habe ich gelernt, eine Fußgängerampel und deren Regel zu schätzen.

 

Wann ist Ihnen ein "großes Glück" begegnet, und wie hat sich dadurch Ihr Leben verändert?

Khadra Sufi als Kind mit ihrem Vater . | Bildquelle: privat

Diejenigen, die mein Buch, "Das Mädchen, das nicht weinen durfte", gelesen haben, wissen, dass ich einen sehr steinigen und schwierigen Weg hinter mir habe, da ich mit meiner Familie als Kind aufgrund des Krieges in Somalia 1990 fliehen musste. Ich weiß noch heute, als sei es gestern gewesen, dass wir zwar alles verloren hatten. Aber endlich wieder hier in Deutschland angekommen zu sein, einfach unbekümmert ins Bett gehen zu können, ohne das man dir nachts möglicherweise ein Gewehr ins Gesicht hält und man Angst um sein Leben haben muss - das war einer der glücklichsten Momente in meinem Leben.

Heute bin ich überglücklich darüber, dass mein Traum Wirklichkeit wurde. Ich bin mit weniger als nichts gekommen - wir mussten Kleidung aus der Altkleidersammlung tragen - und heute kann ich mit Stolz, Freude und Glück sagen, dass ich es hier in Deutschland ganz alleine geschafft habe, mit viel Arbeit und Geduld in den vergangenen 16 Jahren meinen Traum vom Leben zu erreichen. Mittlerweile habe ich festgestellt, dass es manchmal viel wichtiger ist, etwas zu geben. Irgendwann, vielleicht auch wenn man gar nicht damit rechnet, bekommt man es zurück, wenn man es zulässt. Das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt: Mich macht es unheimlich glücklich, wenn ich anderen etwas geben kann.

 

Haben Sie einen Trick, um sich einen Glücksmoment zu verschaffen?

Nicht wirklich. Viel wichtiger, als sich einen Glücksmoment zu verschaffen, ist es doch einfach, das Glück, das man hat oder einem widerfährt, zu genießen, sich selbst und die Umwelt zu achten und über das, was man hat, glücklich zu sein. Ich möchte damit nicht sagen, dass man nicht weiter nach Neuem streben sollte, aber man sollte nicht vergessen, was man selbst geschafft hat. Man darf das auch genießen und darüber glücklich sein. Ich denke, das vergessen viele.

 

Von der privilegierten Diplomatentochter zur mittellosen Asylantin zurück zu einem "normalen" Leben - Sie haben in Ihrem Leben schon viele extreme Aufs und Abs erlebt. Wie hat sich dadurch Ihre Einstellung zum Glück verändert?

Buchcover Khadra Sufi: "Das Mädchen, das nicht weinen durfte", ISBN: 978-3517089461 . | Bildquelle: Südwest-Verlag

Auch auf dem Weg in eines der "Abs", wie Sie es nennen, gibt es ganz sicher einen Punkt, der einen glücklich machen kann, man darf sich nur in einer schlimmen Situation nicht davor verschließen, diesen Punkt wahrzunehmen oder ihn sogar zu verpassen. Da gibt es immer etwas, woran man sich erfreuen kann - etwa an der Ruhe nach einem Angriff, wenn man sich bewusst wird, ihn überlebt zu haben.

Klar, es ist viel einfacher auf einem Weg ins "Auf" diese glücklichen Momente wahrzunehmen. Wenn man dann am Ziel angekommen ist sowieso - da versuche ich immer wieder zurückzuschauen und darüber glücklich sein, was ich alles geschafft habe und was ich kann. Nur so kann man über sich hinauswachsen in schwierigen Lebensituationen. Glück ist etwas, worüber man tatsächlich glücklich sein sollte, wenn es einem begegnet - und nicht unglücklich darüber sein sollte, dass der Augenblick eigentlich gerade unpassend erscheint. Man kann sich selbst fertig machen mit den Dingen, die man anscheinend nicht geschafft hat, sogar daran zerbrechen.

Freut euch alle lieber über das, wo ihr gerade seid, schlimmer kann es immer sein, besser aber auch. Und eine Ausrede oder Entschuldigung, warum etwas nicht geht, gibt es nicht. Etwas zu erreichen hängt immer von den eigenen Entscheidungen ab, ob man sich auf die gegenwärtige Situation einlassen kann oder nicht.

 

Das Interview führte Ingo Fischer

Stand: 17.10.2013, 08.44 Uhr

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