Stefan Liebig Die Menschen erwarten mehr Wertschätzung

Eine gelbe Grafik mit verschiedenen Symbolen. | Bildquelle: colourbox.de

Gerechtigkeitsempfinden in Deutschland

"Die Menschen erwarten mehr Wertschätzung"

Ein Kommentar von Prof. Dr. Stefan Liebig

Es erscheint paradox. Auf der einen Seite zeigen unsere Befragungen, dass die Menschen in Deutschland mit ihrem Leben so zufrieden sind wie nie zuvor. Auf der anderen Seite wird zunehmend darüber geredet, wie ungerecht unsere Gesellschaft sei. Wie erklärt sich dieser Widerspruch?

Unsere Forschung zeigt, dass die Verteilung der Einkommen damit weniger zu tun hat, als man meinen möchte. Denn wenn wir die Menschen fragen, ob sie ihr eigenes Einkommen als gerecht empfinden, antwortet regelmäßig eine Mehrheit der Befragten mit "Ja". Auch die Tatsache, dass die Menschen hierzulande unterschiedlich viel verdienen, können die meisten gut akzeptieren. Sie orientieren sich am Leistungsprinzip, wonach diejenigen, die sich anstrengen, auch mehr bekommen sollen als diejenigen, die sich weniger anstrengen. Eine Gesellschaft, in der alle das Gleiche verdienen, wünscht sich hierzulande nur eine sehr kleine Minderheit.

Als ungerecht empfinden jedoch die meisten, dass am unteren Ende der Lohnskala so wenig verdient wird. 1.200 Euro pro Monat für eine Vollzeit­beschäftigung halten 94 Prozent der Befragten als unfair. Wenn man mit politischen Maßnahmen erreichen will, dass mehr Menschen das Gefühl haben, in einer gerechten Gesellschaft zu leben, muss man also vor allem bei den niedrigen Löhnen ansetzen. Die Einführung des Mindestlohns war dafür schon ein Schritt in die richtige Richtung.


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Aber lässt sich das Gefühl, in einer ungerechten Gesellschaft zu leben, allein durch zu niedrige Löhne erklären? Ich glaube nicht, dass eine ungenügende Verteilungsgerechtigkeit die Hauptursache für ein zunehmendes Gefühl der Ungerechtigkeit ist. An unseren Daten wird nämlich deutlich, dass dieses Gefühl sehr stark davon abhängt, ob man am Arbeitsplatz von Vorgesetzten und KollegInnen fair behandelt wird. Was den Menschen meines Erachtens fehlt, ist die sogenannte Verfahrensgerechtigkeit. Dabei geht es nicht darum, wie viel Geld oder sonstige Leistungen sie bekommen, sondern wie sie und andere behandelt werden.

Eine Frau übergibt in einem Coworking Space in Berlin ein kleines Geschenk an ihren Kollegen (gestellte Szene) . | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Wertschätzung am Arbeitsplatz

Verfahrensgerechtigkeit heißt, dass Arbeitgeber ihre MitarbeiterInnen nicht nur fair bezahlen, sondern Ihnen auch persönliche Wertschätzung für ihre Leistung entgegenbringen. Sie bedeutet aber auch, dass die Menschen die Gewissheit haben möchten, dass Entscheidungen – etwa darüber wie viel jemand verdient – auf eine faire Art zustande kommen, dass niemand bevorzugt wird oder sich auf Kosten anderer bereichert.

Dies gilt nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch in allen anderen Lebensbereichen. Eine gerechte Gesellschaft ist für die meisten Menschen eine Gesellschaft, in der die gleichen Regeln für alle gelten.

Hier hat sich in den letzten Jahren dann doch etwas verändert: Die Erwartung, dass alle BürgerInnen gleich behandelt werden und in ihren Interessen ernst genommen werden, ist gestiegen. Das liegt auch daran, dass soziale Anerkennung – also die Wertschätzung durch andere – eines der grundlegenden Bedürfnisse des Menschen ist. Da es den allermeisten heute materiell gut geht, ist ihnen soziale Anerkennung für sich selbst und andere umso wichtiger.

Stand: Sat Nov 10 17:50:09 CET 2018 Uhr

Prof. Dr. Stefan Liebig. | Bildquelle: DIW Berlin / Florian Schuh

Zur Person

Stefan Liebig ist Professor für Soziologie und forscht seit mehr als 20 Jahren zum Thema Gerechtigkeit. Außerdem leitet er das Sozio-oekonomische Panel am DIW in Berlin. Das SOEP ist die größte und längste Wiederholungsbefragung zur sozialen und wirtschaftlichen Lage in Deutschland.

Bettler in einer Einkaufsstraße mit einem Schild auf dem "Wähler" steht. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Audio Audio

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