Macht das Internet intolerant? - Teil 2

Einem Mann wird mit Boxerhandschuh ins Gesicht geschlagen. | Bildquelle: colourbox.de

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Online-Debatten und Veganismus

Die emotionale Kettenreaktion

Anikke Fischer

Das Thema Veganismus sorgt in der Regel für heftige Diskussionen im Netz. Die Folge: ein rüder Umgangston und Beschimpfungen unter den Usern. Doch warum sind Online-Debatten so emotionsgeladen?

Laut Psychologie-Professor Arvid Kappas spielt es kaum eine Rolle, ob das Thema des Artikels Veganismus, die Große Koalition oder die Klimakatastrophe ist - die Verhaltensmuster seien in allen Fällen ähnlich: "Es sind übergreifende Verhaltensmuster, die durch die Strukturen des Internets entstehen. Die neuen Medien sprechen auf der einen Seite unser Grundbedürfnis an, Emotionen zu verbreiten und zu kommunizieren - auf der anderen Seite gibt es ungeahnte Nebeneffekte."

Mit denen hat sich Kappas näher auseinandergesetzt: Er hat für das europäische Forschungsprojekt "CyberEmotions" zusammen mit Psychologen, Mathematikern und Physikern vier Jahre lang das Diskussionsverhalten in Blogs, Foren und sozialen Netzwerken unter die Lupe genommen. "Wir wollten verstehen, warum und wie kollektive Emotionen im Internet entstehen - also warum zum Beispiel Leute in einem Forum beginnen, sich gegenseitig zu beschimpfen."

Der Verdacht, dass Anonymität dabei der ausschlaggebende Faktor ist, habe sich nicht bestätigt: "Man ist auch anonym, wenn man sich in einem Zugabteil befindet und mit Fremden unterhält, und wird nicht so emotional", so Kappas. "Könnte es also damit zusammenhängen, dass im Zugabteil nur sechs Leute sitzen und in einem Forum mehrere hundert?"

Die Wahrscheinlichkeit, dass unter dieser Menge von Leuten einer etwas schreibt, das provokant ist, und dass sich jemand findet, der sich ärgert und darauf reagiert, sei bei der großen Zahl der Anwesenden im Internet schlicht erhöht. "Und nach so einer Provokation gibt es eine Rückkopplung. Durch das Internet sind sehr, sehr schnelle Kettenreaktionen möglich, ähnlich wie bei der Börse", erläutert Kappas.

Dabei könne es durchaus hehre Ziele geben. Zum Beispiel: "Etwas, das man für falsch oder inakzeptabel hält, so nicht stehen lassen zu wollen." Man sollte sich jedoch hüten, sagt er, aus den Kommentaren Rückschlüsse auf das Verhalten bestimmter Gruppen - wie Veganer oder Nicht-Veganer - zu ziehen. Denn prozentual gesehen sei es nur ein kleiner Teil der Masse, die einen Artikel oder Post liest und dann einen Kommentar schreibt. "Noch geringer ist der Anteil derer, die etwas Provokantes schreiben. Und vielleicht erscheint uns ihr Anteil größer, als er ist."

Stand: 15.11.2014, 06.15 Uhr

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