Macht das Internet intolerant? - Teil 3

Wenn der Ton im Netz rau wird, hat man die Verpflichtung, dem etwas entgegenzusetzen. | Bildquelle: colourbox.de

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Online-Debatten und Veganismus

"Perfekt ist, wenn Pingpong gespielt wird" - Zeit Online über Kommentarbetreuung

Anikke Fischer

Bei kontroversen Themen wie Veganismus oder Massentierhaltung sind die Inhalte der Kommentare häufig beleidigend und müssen daher überprüft werden. Die Community-Redaktion von "Zeit Online" in Berlin macht u.a. genau das. Hier gehen pro Woche rund 20.000 Leser-Kommentare ein, die intensiv betreut werden.

Ein Team, bestehend aus insgesamt 15 Leuten, sorgt im Schichtbetrieb für die Kommentarbetreuung. Die meisten Kommentare werden veröffentlicht, manche je nach Inhalt auch gekürzt oder bei Regelverstößen gegen die Netiquette entfernt. Wer hier kommentieren will, muss sich zunächst mit E-Mail-Adresse und Profilnamen registrieren.

Es gibt bestimmte Themen, bei denen das für die Kommentarbetreuung verantwortliche Community-Team besonders wachsam ist. Massentierhaltung und Ernährung gehören dazu. So lautete im Jahr 2013 das offizielle Fazit von David Schmidt, einem der zuständigen Redakteure, zu einer veganen "Zeit-Online"-Themenwoche: "Bei den Vorbereitungen zu unserer Themenwoche 'Veganes Leben' stellten wir uns auf emotionale Debatten und empörte Reaktionen im Kommentarbereich und in den sozialen Medien ein. Unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht."

Ähnliche Erfahrungen gibt es aber auch aus ganz anderen Bereichen, wie zum Beispiel Erziehung oder Politik: "Alles, bei dem das persönliche moralische Wertgefüge angetastet wird", sagt Annika von Taube, leitende Community-Redakteurin bei "Zeit Online". Wird so ein Artikel freigeschaltet, wird das Community-Team rechtzeitig informiert: "Wir bekommen dann einen Wink vom Chef vom Dienst und achten darauf, dass wir das Thema vom ersten Kommentar an begleiten", erklärt von Taube.

Der erste Kommentar ist erfahrungsgemäß tonsetzend: "Wenn sofort losgeschimpft wird, besteht die Gefahr, dass die Debatte so weiter geht." Um das zu verhindern, warnt der verantwortliche Community-Redakteur entweder mit einer Anmerkung, wie "weitere Aussagen dieser Art werden wir entfernen" oder entfernt den Kommentar, wenn dieser gegen die Netiquette verstößt. "Solche Verstöße gibt es aber irre selten", sagt von Taube. "Wenn es in einer Debatte zu circa 10 Prozent Kommentarverstößen kommt, ist die Debatte schiefgelaufen."

Es gibt aber auch viele gelungene Beispiele, sagt die Community-Redakteurin: "Perfekt ist, wenn Pingpong gespielt wird, also der eine auf den anderen eingeht. Wenn die Fronten aufweichen und die Leser ihr Meinungsbild ändern. Dann hat man das Gefühl, alle haben etwas mitgenommen und ein Argument mehr in der Tasche."

Deswegen würde von Taube gerne noch mehr Leute dazu bringen, sich am Kommentieren zu beteiligen: "Es ist schade, wenn die Leute wie Zaungäste am Rand stehen und sagen, sie wollen sich nicht beteiligen, weil sie den Tonfall schlimm finden. Gerade wenn der Ton rau wird, hat man die Verpflichtung, dem etwas entgegenzusetzen."

Stand: 15.11.2014, 06.15 Uhr

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