Professor Tiedemann zur Rückkehr der Religonen

Interview mit Prof. Dr. Markus Tiedemann

"Rückkehr der Religion"

Prof. Dr. Markus Tiedemann spricht im Interview zur ARD Themenwoche über die Rückkehr der Religionen und seinen eigenen Glauben.

Herr Professor Dr. Tiedemann, vor 20 Jahren wäre nicht automatisch die Verbindung vom Glauben zur Gewalt gekommen...

Prof. Dr. Markus Tiedemann: Ja, die Bedeutung der Religionen hat wieder zugenommen in unserer Gesellschaft. Wir sprechen von der Rückkehr der Religion. Deswegen sind auch alle Eigenschaften der Religion wieder präsenter und eine dieser immanenten Eigenschaften ist die Gewalt.

Ist die Verbindung von Glauben und Gewalt ein Phänomen unserer Zeit? 

Nein, das ist im Glauben - zumindest wenn wir Glauben als Religion verstehen – ein immanentes Phänomen. Religion an sich ist gewaltig und überwältigend, weil sie das Unvorstellbare anführt. Da ist ein Gott, der alles sieht, alles kann. Hinzu kommt, dass Religion die absolute Legitimation mit sich bringen kann: Die Verknüpfung von "Gott" und "Gut" birgt die Wurzel des religiösen Fanatismus. Man sagte, "Gott will es, also ist es gut." Das war der Sturmruf der Kreuzfahrer und ist heute die Losung des so genannten Islamischen Staates.

Aber nur weil Gott es will, ist es doch lange nicht gut. Diese wichtige Unterscheidung lässt sich auch kulturhistorisch belegen: Im alten Griechenland war keine Identität von "Gott" und "Gut" gegeben. Es war klug, Poseidon, den Gott des Meeres, zu verehren, wenn man hinausfahren und wieder heil zurückkommen wollte. Poseidon konnte grausam und ungerecht sein. Seine Göttlichkeit bestand in Macht, nicht in moralischer Qualität.

Den Gegenentwurf findet man in der Urerzählung der drei monotheistischen Religionen, bei Abraham und Isaak. Gott fordert von einem Vater, den eigenen Sohn zu schächten. Wieder eine Grausamkeit. Allerdings gibt es auf Seiten Abrahams weder Argumentation noch Klagen. Es genügt, dass der Befehl von Gott kommt, um unhinterfragt akzeptiert zu werden. In diesem Kadavergehorsam liegt die Keimzelle des religiösen Fanatismus.

Welche sind denn die Ursachen für die Rückkehr der Religion? 

Nur ein Beispiel: Die Moderne hat den Menschen von sehr vielen Zwängen befreit und ihm gleichzeitig die enorme Last der Individualität auferlegt. Man muss sich in immer komplexeren, normativen Räumen eigenverantwortlich bewegen. Mündig zu sein, ist unsagbar anstrengend. Je komplexer das Ganze wird, desto mehr steigt die Anstrengung und umso mehr steigt die Sehnsucht nach der Unmündigkeit. Das hat dazu geführt, dass die Rückkehr der Religion um sich greift.

Woran glauben Sie persönlich? 

Wir Philosophen kritisieren gerne jeden und alles. Deshalb muss ich auch einen überzeugten Atheisten kritisieren. Ein überzeugter Atheist ist jemand, der glaubt, es gibt eine befriedigende Welterklärung ohne die Annahme eines unbegreiflichen Wunders. Allein, das gelingt nicht. Nehmen wir den Urknall. Ob wir nun Urknall sagen oder einen Gott annehmen, der sagte "Es werde Licht!" - beides ist ein wissenschaftlich unbegreifliches Wunder.

Ich bin nicht der Meinung, dass wir Glauben gänzlich aus dem menschlichen Denken verbannen können. Ich kann die Möglichkeit einer Transzendenz nicht ausschließen und mein Geist bringt diese regulative Idee mit Notwendigkeit hervor. Ich bin wohl ein Agnostiker.

Auszug aus der Pressemappe ARD Themenwoche "Woran glaubst du?"

Stand: 11.06.2017, 15.08 Uhr

Trailer zur Themenwoche 2017: Woran glaubst du?. | Bildquelle: MDR Video

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Blog zur Themenwoche: "Woran glaubst Du?"

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