Schutzbunker

Amanda Todd hält beschriebene Karteikarten in die Kamera und ruft im Internet um Hilfe. Das Video war der letzte Hilferuf der 15-Jährigen Kanadierin., die sich im Oktober 2012 das Leben nahm.. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Wie eine kleine Agentur gegen Cybermobbing kämpft - eine Reportage

Im Schutzbunker

Ellen Hoffers

Cybermobbing ist Alltag. Und es bringt Jugendliche an ihre Grenzen. Jugendschutz.net und andere Organisationen versuchen, sich der rohen Aggression entgegenzustemmen. Was bleibt, ist vielfach Hilflosigkeit. Eine Reportage über den alltäglichen Kampf von Jugendschutz.net gegen den Hass im Internet.

Die Jäger haben sich im Keller verschanzt. Die Treppe runter, über quietschenden grauen Linoleum-Boden, zur Sprechanlage. Eine zentimeterdicke Stahltür fällt schwer ins Schloss. Am Ende eines langen Flurs befinden sich die Räumlichkeiten der Mainzer Agentur Jugendschutz.net. Hier sitzen Menschen, die versuchen, den Hass im Netz zu kontrollieren.

Zu kontrollieren gibt es einiges. Ein Netz-Gespenst reiht sich ans andere. Erster Raum: Rechtsextremismus. Zweiter Raum: Sexuelle Belästigung. Dritter Raum: Kinderpornographie. Vierter Raum: Cybermobbing. Raum vier also, Abteilung  "Chats, Messenger und Communities". Hier wird versucht, Jugendliche zu schützen - vor denjenigen, die im Internet Jagd auf ihre Altersgenossen machen. Drei junge Frauen sitzen hinter Rechnern. Auf dem Schreibtisch liegt die "Bravo".

"Tötet es, bevor es Eier legt"

Auf einem Bildschirm ist ein Mädchen zu sehen. Kaum zehn Jahre alt. Blond, mit Brille und Zahnlücke. Sie strahlt in die Kamera. Neben dem Foto ergießen sich Kübel voll hämischer Adjektive: hässlich, fett, nuttig. Jemand schreibt: "Tötet es, bevor es Eier legt". Das sei ein typischer Fall, sagt Katja Knierim, die Referatsleiterin. Sie ist eine energische Person, man traut ihr die Gespensterjagd zu. Das Foto des Mädchens steht auf einer Seite, die den Titel trägt "Deutschlands Hässlichkeiten". Eine von vielen sogenannten Sammelseiten, die einzig dem Zweck dienen, andere bloßzustellen. Auf so einer Seite Inhalte löschen zu lassen, funktioniere einigermaßen, sagt Knierim.

Und wenn die Seite gelöscht wurde? Poppt sie dann nicht einfach an anderer Stelle wieder auf? Nun ja, Knierim zuckt mit den Schultern, schon. Wenn so ein Sturm einmal losgetreten sei, sei er kaum mehr einzufangen. Man müsse eben schnell sein. Schneller als das Netz? Na ja, es komme alles auf die Anbieter an, auf deren Kooperationsbereitschaft. Die Anbieter, das sind Facebook, Reddit und Co. Die sitzen weit weg von Mainz, im Silicon Valley.

Nutzungsbedingungen als soziale Norm

Es gibt Leute, die behaupten, diese Anbieter hätten gar kein Interesse, etwas zu ändern. Das Internet sei weiß, männlich und tue alles, damit das so bleibe, schrieb der Journalist Hakan Tanriverdi kürzlich. Mobbing-Opfer sind vor allem Frauen, Homosexuelle, Nicht-Weiße. Die Täter hingegen sind zu 70 Prozent Männer. 98 Prozent sind weiß. Kommen Beschwerden, verweisen die Dienste auf Meinungsfreiheit. Soziale Netzwerke leben vom unkontrollierten Strom an Kommunikation. Was da geschrieben wird, ist erstmal unerheblich. Wo es keine Regeln gibt, werden Nutzungsbedingungen zur sozialen Norm. Und wie ist der Kontakt zwischen Jugendschutz.net und den Anbietern? Immer besser. In kleinen Schritten näher wir uns an, sagt Knierim. Aber natürlich habe man keinen direkten Draht zu Mark Zuckerberg. Das Lächeln fällt ein wenig müde aus. Es scheint ein langer Weg zu sein. Aber eben auch der Einzige.

Stand: Fri Nov 21 17:45:00 CET 2014 Uhr

Rückblick: ARD-Themenwoche

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Jugendschutz.net

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