Schutzbunker - Teil 2

Amanda Todd hält beschriebene Karteikarten in die Kamera und ruft im Internet um Hilfe. Das Video war der letzte Hilferuf der 15-Jährigen Kanadierin., die sich im Oktober 2012 das Leben nahm.. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Im Schutzbunker

Es braucht drei Klicks, um die Effektivität dieser Zusammenarbeit zu beurteilen. Drei Klicks und man ist in der Mobbing-Hölle. Auf Sammelseiten wie "Whats App Bitches", "Snapchat Bitches" oder "Berliner Schlampen" werden private Bilder von leichtbekleideten Mädchen an die Öffentlichkeit gezerrt und mit Namen, Telefonnummern und Aufrufen versehen: "Ruft sie an, die Schlampe!", "Los mobbt sie, sie ist eine Bitch!", "Sie hat mir einen geblasen, die Schlampe". Selbst vor der Androhung einer Vergewaltigung, schrecken die Täter nicht zurück.

Die Absicht zu erniedrigen, ist offensichtlich. Gedemütigte Kinder werden nackt in Posen gezwungen und abfotografiert, geprügelt, beleidigt und durchs Netz getrieben. Es ist, als schwimme man durch einen dreckigen, zähen Sumpf. Es gibt sozialwissenschaftliche Studien, die besagen, dass jedem gesellschaftlich legitimierten Mord die Degradierung des Opfers zum "Nicht-Menschen" vorausgeht.

Täter und Mitläufer sind vom Opfer entkoppelt

Der Übergang ist fließend: Schulhof-Konflikte werden ins Netz getragen und dort zur Eskalation gebracht. Persönlichste Details werden vor maximaler Öffentlichkeit ausgebreitet. Oder aber der Mob bildet sich erst im Netz, richtet sich zunächst anonym in Form eines Shitstorms auf eine einzelne Person und dringt dann immer weiter in persönlichste Bereiche vor. Bis eben jene Menschen sich nicht nur über blöde Kommentare ärgern, sondern um ihr Leben bangen. In ihrem Haus. Überall. Ganz real.

Wenn doch längst On- und Offline-Welt so untrennbar miteinander verwoben sind - sind die Mobber dann schizophren? Haben sie zwei Identitäten ausgebildet? Oder wie erklärt es sich, dass eine Todesdrohung in der U-Bahn sehr viel schwerer über die Lippen kommt als im Netz? Und warum wird das eine ernst genommen und gesellschaftlich sanktioniert, das andere aber nicht? Macht es für das Opfer wirklich einen Unterschied, ob es per Telefon oder per Facebook mit Vergewaltigung und Tod bedroht wird?

Täter und Mitläufer sind vom Opfer entkoppelt. Wer beschimpft und verunglimpft, muss keine Konfrontation eingehen, die Konsequenzen nicht sehen, sein Gesicht nicht zeigen. Dasselbe gilt für die Mitläufer: Die Opfer sind nur Gestalten in der Timeline. Ein Gesicht bekommen sie erst bei Jugendschutz.net. Dort rufen sie an oder stehen vor der Tür.

Die Opfer nicht im Regen stehen lassen

Je enger dieser Kontakt wird, je persönlicher das Leid, je unkooperativer die Anbieter, desto schwieriger ist es für die Mitarbeiter zu ertragen. Whats-App Gruppen entziehen sich der Kontrolle, geschlossene Facebook-Gruppen sind nicht einsehbar. In vielen Fällen können sie deshalb nur beratend und unterstützend tätig sein. "Wir haben hier eine Mutter, die schlägt einmal pro Monat bei uns auf, weil sie ein Video von ihrem Sohn wieder an einer anderen Stelle gefunden hat", erzählt eine Mitarbeiterin, "die können wir ja nicht im Regen stehen lassen." Dem Gefühl der Hilflosigkeit trotzen sie mit noch mehr Einsatz: "Dann rufe ich eben nochmal bei Youtube an, und wenn es das zwanzigste Mal ist, so lange, bis dieses verdammte Video endlich verschwunden ist" sagt die Mitarbeiterin. Auf ihrem Tisch sei noch kein Fall von Cybermobbing gelandet, bei dem sie gar nichts habe machen können.

Auftauchen aus dem Sumpf

Katja Knierim hat sich für ihre Recherchen im Netz ein 14-jähriges Ich zugelegt. So imitiert sie die Kommunikationswege, die Jugendliche gehen. Sie schaut in Chats, Communities und geschlossene Gruppen. Schritt für Schritt watet sie durch den Sumpf. Dort wimmelt es von Abscheulichkeiten, die auch sie nicht mehr alleine bewältigen kann. Etwa wenn ihr 14-jähriges Alter Ego in einem Chat auf kinderpornographische Inhalte trifft. Oder wenn das Video eines prügelnden Vaters zum Klick-Hit unter Jugendlichen wird. Dann ist es höchste Zeit aufzutauchen. Raus aus dem Keller, an die frische Luft. Dorthin, wo man atmen kann, und wo Menschen sich noch ins Gesicht sehen, wenn sie miteinander reden - und wo man jederzeit Anzeige erstatten kann.

Stand: 21.11.2014, 17.45 Uhr

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