Dorothee Spannagel Einkommen müssen gleicher verteilt werden

Eine gelbe Grafik mit verschiedenen Symbolen. | Bildquelle: colourbox.de

Lohngerechtigkeit in Deutschland

"Es gilt zunehmend: Einmal reich - immer reich"

Ein Kommentar von Dorothee Spannagel

Deutschland erlebt derzeit einen starken wirtschaftlichen Aufschwung. Die Wirtschaft wächst; es herrscht Rekordbeschäftigung und die Arbeitslosenzahlen sind auf einem historisch niedrigen Niveau. Doch trotz dieser sehr guten ökonomischen Rahmenbedingungen gelingt es nicht, die Ungleichverteilung der Einkommen zu verringern und Armut zu senken. Die Verteilung der Einkommen polarisiert sich, Armut und Reichtum nehmen zu.

Verschärft wird diese Entwicklung dadurch, dass sich die Ränder der Einkommensverteilung verfestigen. Es gilt zunehmend: Einmal reich - immer reich, während gleichzeitig immer mehr Menschen dauerhaft in Armut leben müssen. Das zeigt: Es profitieren nicht alle Menschen gleichermaßen von der aktuell guten wirtschaftlichen Lage. Ja, der Aufschwung führte zuletzt auch zu realen Lohnsteigerungen, aber diese kamen vor allem den mittleren und oberen Lohgruppen zugute. Ja, wir haben historisch niedrige Arbeitslosenzahlen, und doch haben wir ein festes Segment an Langzeitarbeitslosen. Und ja, es herrscht Rekordbeschäftigung aber es gibt gleichzeitig immer mehr prekäre Beschäftigung und einen wachsenden Niedriglohnsektor.


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Was muss getan werden, um diese Entwicklungen zu beenden? Zwei Handlungsfelder sind besonders zentral:

1. Mehr gut bezahlte sozialversicherungspflichtige Beschäftigung: Arbeitslosigkeit ist, insbesondere wenn sie dauerhaft ist, einer der Hauptgründe für ein Abrutschen auf der sozialen Leiter und eines der größten Armutsrisiken. Deshalb gilt es, insbesondere Personen, die ein hohes Arbeitslosigkeitsrisiko haben, Geringqualifizierte etwa oder Migranten, durch (Weiter-)Qualifikations-, Bildungs-, und Beratungsangebote gezielt zu unterstützen. Das Ziel muss sein, solche Personen dauerhaft in sichere, sozialversicherungspflichtige (Vollzeit-)Erwerbstätigkeit zu bringen, die ihnen durch angemessene Entlohnung soziale Teilhabe ermöglicht.

2. Mehr Mehrverdienerhaushalte: Lebt in einem Haushalt mehr als ein Verdiener, sinkt das Risiko, dass dieser Haushalt dauerhaft von Armut betroffen ist. Jedes weitere Einkommen in einem Haushalt kann entscheidend dafür sein, den Haushalt über die Armutsschwelle zu heben. Das macht deutlich, wie wichtig es ist – unter anderem über eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf –, es Männern wie Frauen in Haushalten mit Kindern zu ermöglichen, erwerbstätig zu sein. Konkret ist hier vor allem an den Ausbau und möglichst auch den kostenlosen Zugang zu Kinderbetreuung wie auch an flexiblere Arbeitszeitmodelle für erwerbstätige Eltern zu denken.

Es muss gelingen, die Polarisierung der Einkommen und die Verfestigung von Armut und Reichtum zu beenden und alle Menschen am Aufschwung teilhaben zu lassen. Sonst droht eine Spaltung der Gesellschaft, die auch das demokratische Fundament unserer Gesellschaft gefährdet.

Stand: Sun Nov 11 19:50:11 CET 2018 Uhr

Dorothee Spannagel. | Bildquelle: Karsten Schöne

Zur Person

Dorothee Spannagel ist Soziologin und Referatsleiterin für Verteilungsanalyse und Verteilungspolitik am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

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