ARD-Themenwoche 2016: Arbeitswelten im digitalen Zeitalter

Eine Besucherin am 14.10.2015 der Eröffnung der neuen Sonderausstellung "Schöne schlaue Arbeitswelt" -. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Zukunftsmusik

Wie werden wir arbeiten?

Christoph Zalewski / BR

Die Revolution ist in vollem Gange - sie heißt "Digitalisierung". Und die kommt keineswegs als laues Lüftchen daher, sondern als Sturm: Computer werden immer komplexer und intelligenter, soziale Netzwerke beherrschen schon heute den Alltag. Wie wird sich dadurch die eigene Arbeitswelt verändern? Zwei Studien wagen einen Ausblick.


"Die Digitalisierung kommt nicht als laues Lüftchen daher, sondern als Sturm. Sie ist disruptiv. Die 25 Thesen unserer Befragung machen das deutlich. Sie zeigen Handlungsfelder für die Debatte über den Wandel von Arbeit in den Unternehmen auf." Christian P. Illek, Personalvorstand der Deutschen Telekom AG

 

Die 4. industrielle Revolution

Arbeit müsse im Ökosystem Digitalisierung neu organisiert werden, so fasst Christian P. Illek, Personalvorstand der Deutschen Telekom AG, die Ergebnisse der Studie "Arbeit 4.0" zusammen, die 2015 veröffentlicht wurde und 25 Thesen beinhaltet. Diese Thesen spiegeln laut Studie den Beginn einer vierten industriellen Revolution wider.


Von der 1. zur 4. industriellen Revolution

  • 18. Jhdt: Die Erfindung der Dampfmaschine bedeutet einen Quantensprung für die mechanische Produktion (z.B. mechanische Webstühle) und die Mobilität (Siegeszug der Eisenbahn im 19. Jhrt.).
  • 19. Jhdt: Mithilfe der Elektrik entstehen klassische Fabriken mit arbeitsteiliger Massenproduktion (Fließbandarbeit).
  • 20 Jhdt: Der Einsatz von Robotern, Computern und Softwareprogrammen führt zu einer beginnenden Automatisierung von Produktionsschritten.
  • 21. Jhdt: Der Einsatz sogenannter cyber-phyischer Systeme führt dazu, dass Maschinen den Menschen nicht mehr nur unterstützen, sondern vielfach auch ersetzen (zunehmende Denkfähigkeit von Maschinen).

 

Die Kernthesen der Studie

 Auflösung der Organisation: Feste Firmenhierarchien und starre Betriebszugehörigkeiten werden zunehmend verdrängt. Gefragt sind hochspezialisierte Fachkräfte, die sich weltweit miteinander vernetzen und von Firmen bei Bedarf gebucht, aber nicht mehr fest eingestellt werden. Die globale Vernetzung bedeutet auch, dass sich bislang geschlossene Unternehmenstrukturen öffnen. Dadurch können zunehmend sogenannte "Prosumenten" gewonnen werden: begeisterte Kunden, die freiwillig und kostenlos Leistungen für das Unternehmen erbringen. Dieses Prinzip funktioniert bereits jetzt, wie das Beispiel Wikipedia zeigt: ein offenes System, dass nahezu ausschließlich von Prosumenten befüllt wird.

Parkroboter der Firma "Serva". | Bildquelle: pa/dpa/Serva transport systems GmbH

Maschinen als Kollegen: In vielen Arbeitsbereichen erbringt nicht mehr der Mensch die produktive Arbeitsleitung, sondern komplexe Maschinen, die sich immer öfter selber steuern und verwalten und nur noch kontrolliert werden müssen. Gerade auch im digitalen Bereich werden Computer in Eigenregie immer größere Datenmengen verarbeiten. Zu den künftigen Aufgaben von Arbeitnehmern gehört zweifelsohne, sinnvolle Schlüsse aus diesen Daten zu ziehen. Die zunehmende Automatisierung lässt mehr Raum für kreative Tätigkeiten. Vor allem personenbezogene Dienstleistungen werden in Hochlohnländern zunehmen - zum Beispiel Pflegeberufe.

Laptop im Meerwasser. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

"Always on": Arbeiten per Laptop, das ist weltweit und rund um die Uhr möglich. Im Zeitalter der Videokonferenzen ist ein stationärer Arbeitsplatz nicht mehr notwendig - es kann von Zuhause aus gearbeitet werden oder auch am Sandstrand, alles ist möglich. Klassische Büros wird es auch in Zukunft noch geben, in erster Linie jedoch, um Netzwerkpflege zu betreiben. Die zunehmende Individualisierung der Arbeitszeit führt zu einer Verschmelzung von Beruf und Privatsphäre. Das Selbstmanagement des Arbeitnehmers wird künftig zu den Schlüsselqualifikationen gehören, um "alles unter einen Hut" zu bringen - und um stressbedingte Erkrankungen wie Burn-Out zu vermeiden.

Neue Herausforderungen für Arbeitgeber: Die klassische Bindung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wird sich durch das Prinzip "Hire on demand" zusehends auflösen. Einerseits ist das für Arbeitgeber vor allem finanziell effektiv, andererseits führt das dazu, dass Arbeitnehmer nicht mehr auf einen bestimmten Arbeitgeber angewiesen sind. Entsprechend hoch müssen die Anreize der Firmen ausfallen, um qualifizierte Arbeitnehmer regelmässig an sich zu binden. Zu den Schlüsselqualifikationen künftiger Chefs gehört zweifelsohne, eine persönliche Bindung mithilfe unpersönlicher Kanäle (Stichwort Social Media) zu den Angestellten aufzubauen.


Arbeitswelten 4.0 - Wie wir morgen arbeiten und leben

Die Studie der Telekom ist nicht die erste Studie dieser Art. Anfang 2013 veröffentlichte das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO die Studie "Arbeitswelten 4.0 - Wie wir morgen arbeiten und leben". Im Gegensatz zur Studie der Telekom bezieht sich diese Studie explizit auf die Arbeits- und Lebenswelt von Büro- und Wissensarbeitern und orientiert sich am Jahr 2025. Unterm Strich entwickelt die Fraunhofer-Studie ein ähnliches Zukunftsszenario wie die Telekom-Studie, bezieht aber auch ökologische Aspekte mit ein und prognostizert, das Ressourcen immer schonender und effizienter eingesetzt werden.

Arbeitswelten 4.0 - wie wir morgen leben und arbeiten. Video des Fraunhofer Instituts. | Bildquelle: Fraunfofer Institut Video

Sieht so unsere Arbeitswelt von morgen aus? (Video: Fraunhofer Institut)

Schöne neue Welt?

Businessleute am Strand. | Bildquelle: colourbox.de

Auffallend an der Fraunhofer-Studie ist vor allem das Fazit: Während in der Telekom-Studie auf eine explizite Bewertung der aufgestellten Prognosen verzichtet wird, zieht das Fraunhofer-Institut eine bemerkenswert positive Bilanz - haben die Wissenschaftler ihr Forschungsgebiet hier etwa durch die rosarote Brille betrachtet?


ARBEITSWELTEN 4.0 - Wie wir morgen arbeiten und leben

"Die synergetische Integration von Arbeit und Freizeit ... ist Statussymbol im In- und Ausland geworden. Diese intelligente, lebensstil- und lebensphasenorientierte Organisation und Gestaltung von Büro- und Wissensarbeit wird zu einem zentralen Erfolgsfaktor ... Die starke Orientierung an den individuellen Werten und Anforderungen der Büro- und Wissensarbeiter sorgt für eine hohe Kreativität und Innovationskraft ... Deren Diversität und Leistungswillen wirken sich wiederum positiv auf die Prosperität der Wirtschaft aus."

Ob all diese Prognosen zutreffen und für welche Berufsfelder dies gelten wird, bleibt abzuwarten. Vorrangig werden mit Sicherheit Berufsfelder, in denen schon heute die Digitalisierung eine übergeordnete Rolle spielt, betroffen sein: allen voran zum Beispiel Softwareentwickler und Programmnutzer. Inwieweit sich das auf andere, "alltägliche" Berufsfelder auswirken oder diese auf- oder abwerten wird, insbesondere solche aus dem alltäglichen Dienstleistungsbereich - Friseure, Altenpfleger, Gärtner, um nur ein paar zu nennen - wird die Zukunft zeigen.

Stand: Sun Oct 30 06:00:00 CET 2016 Uhr

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