Thomas Köhler Generationengerechtigkeit

Eine gelbe Grafik mit verschiedenen Symbolen. | Bildquelle: colourbox.de

Generationengerechtigkeit in Deutschland

Wir brauchen eine vernünftige Verteilungsdebatte zwischen Jung und Alt

Ein Kommentar von Thomas Köhler

Auch Gerechtigkeitsfragen haben ihre Konjunktur. Generationengerechtigkeit spielt in der politischen Debatte heute keine so große Rolle mehr wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Das ist einerseits ein gutes Zeichen. Zeigt es doch, dass Manches erreicht wurde. Anderer­seits ist es auch schade. Denn es hat nie eine breite öffentliche Debatte darüber gegeben, an welchen Normen und Verteilungsvorstellungen sich eine Gerechtigkeit zwischen den Generationen denn ausrichten sollte.

Was wurde erreicht? Es gibt heute ein deutlich gestiegenes Bewusstsein für das Offenhalten von Chancen für künftige Generationen. Ein Beispiel ist die Finanzpolitik, wo mit Einführung und Umsetzung der Schuldenbremse im Grundgesetz ein Umdenken zu mehr Nachhaltigkeit stattgefunden hat. Ein zweites Beispiel sind die großen Sozialversicherungen, die – nicht immer nur mit Schritten in dieselbe Richtung – alles in allem heute zukunftsfester organisiert sind als vor zwanzig Jahren.

Ein drittes Beispiel ist der Umwelt- und Klimaschutz. Man kann mit Fug und Recht darüber diskutieren, ob schon das Notwendige und vor allem das Richtige getan wurde. Aber dass es inzwischen jedenfalls hierzulande ein sehr hohes Bewusstsein für die Sicherung unserer ökologischen Lebensgrundlagen für künftige Generationen gibt, ist kaum zu bestreiten. Nicht zu vergessen ist auch die institutionelle Absicherung von Nachhaltigkeitsaspekten in der Politik, die sich beispielsweise in der Arbeit des Parlamentarischen Beirats für nachhaltige Entwicklung des Deutschen Bundestages zeigt.


Gerechtigkeit unter den Generationen

Wie viel Rente können wir uns leisten?

Die Deutschen werden immer älter und es werden zu wenige Kinder geboren. Was bedeutet das für die gesetzliche Rentenversicherung und für die zukünftigen Rentner? Ein Thema, an dem die Politik nicht vorbei kommt. | ndr

Was fehlt noch? Es gibt kein breit diskutiertes Verständnis darüber, was Generationen­gerechtigkeit denn ausmachen sollte. In Bezug auf künftige Generationen ist das noch recht einfach: Eine gewisse Belastung für das kollektiv Ererbte ist vertretbar, aber künftigen Generationen müssen hinreichende Gestaltungsmöglichkeiten bleiben. Schwieriger wird es in Bezug auf Verteilungsfragen zwischen bereits lebenden Generationen. Es gibt den Verdacht, dass die heute Älteren sich zwar im Privaten gegenüber ihren Nachkommen eher selbstlos verhalten, zugleich aber über ihre starke Macht bei demokratischen Wahlen den Staat zum Herstellen eines finanziellen Ungleichgewichtes zu Lasten der Jüngeren benutzen.

Generationenbilanzen versuchen solche Effekte rechnerisch zu erfassen. Ein objektives Bild setzt dabei voraus, das ganze Leben in den Blick zu nehmen. Entscheidend ist nicht der Vergleich Jung/Alt zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern ein Vergleich der Gesamtschau von Jugend-, Erwachsenen- und Altersphase für zu unterschiedlichen Zeitpunkten Geborene. Das bleibt immer ein Vergleich von Äpfeln und Birnen.

Wie lassen sich beispielsweise unterschiedlich ausgebaute Bildungs- und Betreuungssysteme langfristig mit unterschied­lichen Abgabenbelastungen verrechnen? Dennoch: In einer Gesellschaft, deren zentraler Konsens sich um Wohlfahrt und soziale Sicherheit lagert, braucht es eine ausgewogene Debatte über derartige Verteilungsfragen. Und dafür werden gute Datengrundlagen benötigt.

Was folgt daraus? Wir brauchen mehr konkrete – und glaubwürdige – Berechnungen der intergenerativen Verteilungswirkungen politischer Entscheidungen. Solche Berechnungen sind am besten von einer unabhängigen Stelle beim Deutschen Bundestag durchzuführen. Zwar kann damit immer nur ein Teilaspekt ge­messen werden. Aber die ausgewiesenen Verteilungswirkungen zwingen zur Auseinandersetzung damit, was wir gesellschaftlich denn tatsächlich wollen. Mehr Objektivität und mehr Transparenz werden nicht die Jüngeren und die Älteren gegen­einander aufwiegeln. Sie können vielmehr zu einem besseren Zusammenhalt beitragen.

Stand: Sat Nov 17 15:53:43 CET 2018 Uhr

Elisabeth Botsch. | Bildquelle: Elisabeth Botsch

Zur Person

Thomas Köhler leitet den Think-Tank "Politik und Beratung" der Konrad-Adenauer-Stiftung. Als Volkswirt war er viele Jahre in Regierungsinstitutionen tätig, zuletzt als Leiter Strategie und Planung im Bundesfinanzministerium. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Experten-Kommentar Prof. Dr. Henning Vöpel

"Die Chancen der Globalisierung dürfen wir nicht verspielen"

Expertin Botsch über Gendergerechtigkeit

Frauen wie Männer sollen ihr Leben besser gestalten können

Experten-Kommentar Prof. Dr. Ludger Wößmann

Bildungspolitik ist die Säule der Sozialen Marktwirtschaft

Darstellung: