Toleranz im Netz - Stalking

Die Bloggerin Mary Scherpe. | Bildquelle: Christian Werner

Bloggerin Mary Scherpe. Bild: Christian Werner

Protokoll eines Stalking-Falls

"Ich verfalle nicht in Panik, wenn er wieder anfängt"

Aufgezeichnet von Rachel Schröder

Die Berliner Bloggerin Mary Scherpe wurde über Jahre massiv von einem Stalker verfolgt. Niemand konnte ihr helfen, selbst Polizei und Justiz waren machtlos. Dann hat sie ihre Erlebnisse in einem Blog und als Buch unter dem Titel "An Jedem Einzelnen Tag. Mein Leben mit einem Stalker" öffentlich gemacht. Ein Protokoll.

Ich lasse den Gedanken zu, dass er nie damit aufhören wird. Ich versuche mich darauf zu besinnen, dass ich nicht in Panik verfalle, falls er wieder anfängt. Seit zwei Jahren werde ich von einem Stalker verfolgt. Es begann damit, dass ich Konten auf Social-Media-Diensten entdeckte, die mich nachahmten, sich über meine Arbeit, mein Aussehen, was ich tue, was ich bin, lustig gemacht haben. Es gab immer mehr Dienste, immer mehr Konten, immer mehr Nachrichten. Das hat sich über die Dauer von über einem Jahr derart gesteigert, dass ich jeden Tag mit 20, 30 solcher Nachrichten zu kämpfen hatte, sei es in Briefform oder in Form von Kommentaren.

Tapetenmuster, Schwangerschaftsvitamine und Dachziegel

Eine Tüte mit einer Probe Beschichtungsmittel. | Bildquelle: Mary Scherpe

Eine der Postsendungen des Stalkers: Beschichtungsmittel

Dann ging es weiter mit Post, die ich ins Büro und nach Hause bekommen habe. Dann kamen Anrufe, SMS, E-Mails, immer mehr Kommentare auf meinem Blog. Immer mehr Postsendungen: Kataloge, Warenmuster, Stoffproben für Kinderbettwäsche, Tapetenmuster, Bodenbeläge, Schwangerschaftsvitamine, Babynahrung, bis hin zu einem großen Paket Dachziegel. Ich habe auch Anrufe bekommen von Immobilienmaklern, von Versicherungsvertretern, Autoverkäufern.

Jede Nachricht zielte nur darauf ab, mich zu beleidigen

Es gab viele Twitterkonten, die allein dazu da waren, mich zu beleidigen. Da gab es keine Follower, da gab es keine Abonnenten. Ich habe versucht, sie löschen zu lassen, und mir wurde immer wieder gesagt, dass dieses Konto nicht gegen die Nutzerregeln von Twitter verstößt, dass es kein Missbrauch sei. Für die Buchrecherche habe ich das Gleiche dann bei Facebook versucht. Ich hab hasserfüllte Kommentare gemeldet und immer wieder die Antwort bekommen, dass diese Inhalte nicht gegen die Gemeinschaftsregeln von Facebook oder Twitter verstoßen.

Textnachricht des Stalkers auf dem Mobiltelefon. | Bildquelle: Mary Scherpe

Textnachricht des Stalkers auf dem Mobiltelefon

Zu Beginn habe ich mich an den Rat gehalten, es nicht überzubewerten und nicht sofort in Panik zu verfallen. Das würde sich schon schnell wieder legen, demjenigen wird das schnell langweilig werden, vor allem, wenn ich das ignoriere. Was nur dazu geführt hat, dass ich mir selbst die Schuld gab, wenn ich nicht schaffte, es zu ignorieren. Ich dachte, jetzt habe ich das nicht "richtig" ignoriert. Ich hab ihm doch noch Aufmerksamkeit gegeben, deswegen macht er weiter.

Stand: Fri Nov 21 09:21:13 CET 2014 Uhr

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