Toleranz im Netz - Stalking - Teil 2

Die Bloggerin Mary Scherpe. | Bildquelle: Christian Werner

Bloggerin Mary Scherpe. Bild: Christian Werner

Protokoll eines Stalking-Falls, Teil 2

Man weiß, da will dir jemand jeden Tag schaden

Aufgezeichnet von Rachel Schröder

Stalking-Opfern rät man oft, die Angriffe des Täters zu ignorieren. Bloß kein Opfer sein, sonst hat der Stalker einen Teilsieg errungen, sagte sich Mary Scherpe. Heute weiß sie, dass nur Öffentlichkeit hilft.

Alle Ratschläge, die man als Stalking-Betroffene bekommt, zielen darauf ab, dass man sich als Opfer "richtig" verhalten soll: Auf keinen Fall den Täter kontaktieren, auf keinen Fall reagieren, alle Beweise sammeln. Schlicht: es aushalten und abwarten bis "genügend" passiert ist. Wobei einem keiner sagen kann, was "genügend" ist. Das lastet den Betroffenen einfach eine sehr große Verantwortung auf, der man kaum gerecht werden kann.

Ich konnte die Angriffe gar nicht ignorieren - einerseits waren es so viele, aus so vielen Richtungen, dass ich mich dagegen nicht abschotten konnte. Und andererseits ist es fast unmöglich, wenn man weiß, dass jemand da draußen ist, der dir jeden Tag schaden will. Jeden Tag mehrmals.

Am Anfang wollte ich mich auf keinen Fall als Opfer bezeichnen. Ich dachte, sobald ich das zugebe, gebe ich zu, dass das Stalking mich angreift, und dann hat er einen Teilsieg errungen. Aber irgendwann ist mir klar geworden: Erst wenn ich mir selbst zugestehe Opfer zu sein, kann ich mich dagegen wehren.

Man kann nur hoffen, dass der Täter Fehler macht

Ich bin heute nicht in der Position, sagen zu können, das ist jetzt vorbei oder die Sache ist gegessen. Ich lasse diesen Gedanken zu, dass er damit nie aufhören wird. Meine Vermutung ist, dass es sich um einen Ex-Partner von mir handelt, mit dem ich eine sehr kurze Beziehung hatte, und der ganz schlicht gesagt mit der Trennung nicht zurecht kam. Bis heute ist seine Identität aber nicht nachgewiesen. Nicht in der Art, dass es juristisch verfolgbar wäre. Der Täter hat fast ausnahmslos das Tor-Netzwerk genutzt. Durch das Tor-Netzwerk gibt es einfach keinen Weg, wie man das nachweisen kann. Auch nicht mit Hilfe von Hackern. Man kann nur darauf hoffen, dass der Täter Fehler macht. Das Stalking-Gesetz in Deutschland gibt es erst seit 2007. Da musste erstmal ein Umdenken stattfinden von etwas, das man vorher gerne mal als Kavaliersdelikt verniedlicht hat. Damit es als Verbrechen gesehen wird, das Menschen schädigt und traumatisiert. Um das zu ändern, ist der einzige Weg, darüber zu sprechen.

Der Welt geht nichts verloren, wenn man Hasskommentare nicht zulässt

Im Netz werden ständig Grenzen überschritten unter dem Deckmantel der Toleranz oder noch viel mehr der Meinungsfreiheit. Beleidigung, Diskussionsstörung, Hasskommentare und Drohungen werden zugelassen, weil man findet, dass es okay sein müsste, sowas zu sagen.

Diese "Toleranz" hat mich an Grenzen gebracht, mich wehren zu können. Unter dem Deckmantel der vermeintlichen Meinungsfreiheit wird heute zu viel zugelassen. Der Welt geht nichts verloren, wenn man diese Hasskommentare nicht zulässt. Auf einem öffentlichen Podium würde man auch nicht tolerieren, dass jemand aufsteht und einen Teilnehmer anschreit: "Du hässlicher Hurensohn". Da würde man auch nicht sagen, ja, gut, vielen Dank für den Wortbeitrag, jetzt machen Sie weiter. Man würde denjenigen wahrscheinlich aus dem Saal schmeißen. Im Internet wird das toleriert. Ich finde, es liegt in der Verantwortung der Social-Media-Dienste und der Nutzer mehr dafür zu tun, dass der Austausch online von diesem Hass verschont bleibt und er vielmehr entlang der Linien einer sozialen Etiquette läuft, die wir auch im sonstigen Leben anwenden.

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